Das perfekte Paar
(Sara Paulat)
Da lag er nun. Tot. Auf dem Sofa. Mausetot k¶nnte
man sagen. Sie kam zur Tür herein. Sah ihn dort
liegen und ein Gefühl der Erleichterung überkam
sie. Sie setzte sich daneben auf ihren
Lieblingssessel, wickelte sich in eine Decke und
nahm das Buch in die Hand, das sie gleich lesen
würde. Sie hielt nur kurz inne, um über das
Geschehene nachzudenken. Starrte aus dem hohen
Fenster. Nun war es endlich vorbei, er war tot.
Mausetot. Sie hätte es auch nicht mehr länger
ausgehalten, diese elende Fremdgeherei, diese
ewige Flirterei wenn sie ausgingen. Das ging
einfach zu weit. Immerhin waren sie verlobt.
Beziehungsweise, waren es gewesen. Jetzt war er ja
tot. Tot...Sie ließ sich das Wort durch den Kopf
gehen. T...o...t...Was war das überhaupt für ein
Wort? Die drei Buchstaben schwirrten durch den
ganzen Raum. «T» war der...sie zählte
nach...zwanzigste Buchstabe im Alphabet...«o»
der...fünfzehnte. 20 – 15 – 20. Sie wohnten in
Hausnummer 20, seit 15 Jahren kannten sie sich.
War das ein Zeichen dafür, dass er tot sein
musste, das es gar nicht anders hätte kommen
dürfen? Dass das Schicksal es so wollte? Man
sollte die Macht der Zahlen nie unterschätzen. Sie
runzelte die Stirn... war sie nun verrückt
geworden? Nein, dass gewissen Zahlen gewisse
Mächte zugesprochen wurden, das wusste doch jeder.
Das hatte schon alles eine Bedeutung. Sie hatte
letzte Woche erst eine Reportage über die Zahl 23
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Das perfekte Paar
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gesehen. Verrückt war sie nicht, nein.
Und Schuldgefühle? Nein, die hatte sie nicht, er
hatte sie ja hintergangen, dafür musste er
bestraft werden. Es war ja nicht ihre Schuld, dass
er sich ständig mit anderen Frauen abgegeben
hatte. Sie ließ sich doch nicht für dumm
verkaufen, sie merkte doch, dass er, sobald sie
sich umdrehte, den jungen Mädchen in kurzen Röcken
hinterher starrte. Deshalb hatte sie einen
Entschluss gefasst. Wenn sie ihn nicht haben
durfte, dann durfte ihn niemand haben. So einfach
war das.
Dabei hatte doch alles so gut angefangen, so
perfekt, wie im Film. Die große Liebe, auf den
ersten Blick natürlich. Sie hatte nach der
mittleren Reife auf das städtische Gymnasium
gewechselt, kannte niemanden. In der ersten Stunde
des Biologie-Leistungskurses, sie erinnerte sich
noch genau, schweifte ihr Blick durch den Raum und
sie setzte sich intuitiv neben ihn, Sebastian. Es
fielen Blicke, ein Lächeln wurde ausgetauscht.
Darauf folgten schüchterne Grüße auf dem
Schulflur, kurze Gespräche in den Pausen zwischen
den Kursen, ein erster Kuss auf einer Party, ein
erstes Date dem viele weitere folgten. Sie waren
das Traumpaar der Stufe, wurden zu Stufensprecher
und Vertreterin gewählt und schließlich zu
Abiballkönig und Königin. Nach dem Abitur zogen
sie gemeinsam in die nächste größere Stadt, er
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Das perfekte Paar
(Sara Paulat)
studierte VWL, sie Pharmazie. Es lief alles
perfekt, sie fand nach dem Studium einen Job in
einer Apotheke und er bekam eine gut bezahlte
Stelle in einer renomierten Firma. Sie zogen in
eine größere Wohnung. Es war alles perfekt. Die
perfekte Wohnung. Die perfekte Arbeit. Das
perfekte Paar. - Alles perfekt, bis er es
zerstörte.
Es fing ja alles ganz harmlos an. Zu Beginn sah
sie über die Blicke hinweg, die er ihren
Kolleginnen bei gelegentlichen Treffen und Partys
zu warf. Anne war eben auch ungemein hübsch, immer
adrett gekleidet verdrehte sie so manchen Männern
den Kopf. Doch sie ließ diese auch genauso schnell
wieder fallen und das wusste Sebastian, da hatte
er es mit ihr schon besser.Sie war treu, kümmerte
sich ohne Murren um den Haushalt und im Bett lief
es auch gut. Und doch, die Blicke häuften sich,
immer öfter schaute er anderen Frauen auf der
Straße nach, flirtete auf Partys mit Anne.
Erwischt hatte sie ihn zwar nie, aber sie wusste,
dass er sie mehrere Male, vor allem mit ihrer
Kollegin, hintergangen hatte. Sie warf es ihm das
eine oder andere Mal an den Kopf. Er beteuerte
jedes Mal, dass er nur sie liebe, keine andere, er
gehe ihr nicht fremd. Die ersten Male glaubte sie
ihm noch, doch nach und nach wurden seine Ausreden
unglaubwürdiger, seine Ausflüchte fantasievoll
ausgeschmückt. Dass er nächtelang in der Firma
schuftete konnte er jemand anderem erzählen, sie
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Das perfekte Paar
(Sara Paulat)
glaubte ihm das jedenfalls nicht.
Deshalb hatte sie einen Entschluss gefasst. Sie
durfte sich nicht mehr von ihm auf der Nase herum
tanzen lassen, so konnte es nicht weitergehen.
Er musste sterben. Ganz einfach. Ihr blieb keine
andere Wahl. Als sie eines Tages allein im Labor
arbeitete ergriff sie die Gelegenheit und füllte
sich etwas Blausäure in eine kleine Flasche und
ließ diese in ihrer Handtasche verschwinden. Es
ging ganz schnell. Keiner hatte etwas gemerkt.
Nach so vielen Jahren hatte sie im Labor freie
Hand. Am Abend kam sie nach Hause. Er saß vor dem
Fernseher und beachtete sie nicht. Sie sprachen
schon seit Tagen kein Wort mehr miteinander. So
war es in letzter Zeit immer. Sie stellte ihre
Handtasche in den Flur. Dabei entdeckte sie
Konzertkarten, die aus seiner Jackentasche heraus
hingen. Ja, natürlich, nun würde er mit
irgendeiner Frau zu diesem Konzert
fahren...Anne...Sie stürmte mit den Karten in der
Hand ins Wohnzimmer, forderte ihn laut schreiend
dazu auf, doch endlich zuzugeben, dass er eine
Affäre habe. Doch er widersprach ihr, versuchte
sie zu beruhigen. Und natürlich glaubte sie ihm
nicht, sie war ja nicht dumm, für sie hatte er die
Karten mit Sicherheit nicht gekauft. Der Streit
wurde immer lauter und er schlief an diesem Abend
auf der Couch.
Am nächsten Morgen kochte sie ihm Kaffee, stellte
seinen Lieblingsmandelsirup daneben. Sie ging zum
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Das perfekte Paar
(Sara Paulat)
Bäcker und kaufte ihm Croissants, deckte den Tisch
liebevoll und aufwändig. Er sollte es als kleines
Friedensangebot verstehen. Er würde sich sicher
freuen, wenn er gleich aufstehen würde. Sie
schaute ins Wohnzimmer, dort schlief er tief und
fest, regte sich nicht. Wie friedliche er doch so
aussah, man könnte fast meinen, er habe die ganze
Zeit Recht gehabt...Den Gedanken schob sie schnell
beiseite, natürlich war er fremdgegangen, sie
hatte doch alle Beweise. Anne und er...Seit Jahren
ging das doch nun schon so.
Auf dem Weg zur Arbeit war sie so glücklich wie
nie zuvor.
Und da saß sie nun. Und er lag neben ihr. Tot.
Mein Gott, warum kann sie nicht einmal zufrieden
sein. Nicht einmal ihre Klappe halten. Nicht
einmal einfach nur zufrieden sein. Nein, immer
muss sie an allem rummeckern. Ob ich nicht auch
mal was im Haushalt helfen könne, ob ich nicht mal
den Müll runterbringen könne, das Bad putzen. Und
dann ihre krankhafte Eifersucht. Frauen hier,
Frauen da. Das bringt mich zur Weißglut! Dieses
Nachspionieren. Mit dieser Anne, ihrer komischen
Kollegin lief doch nie was, das könnte ich mir
doch nie erlauben. Was würden meine Eltern sagen,
wenn ich mich nach so vielen Jahren von Franka
trennen würde. Sie wird doch schon als
Schwiegertochter angesehen, gehört doch schon zur
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Das perfekte Paar
(Sara Paulat)
Familie. Ich habe meine Wahl getroffen, damals.
Und nun hänge ich hier fest. Ich versuche sie
immer wieder zu besänftigen, ihr einzureden, dass
es niemanden gibt neben ihr. Aber nein, sie
kapiert es ja nicht, immer nörgelt sie an mir
herum. Das war eigentlich schon immer so. Schon
von Anfang an, nie war ich gut genug gewesen,
immer hätte es besser sein können. Sie sagte das
zwar nie, aber ich habe es doch an ihren Blicken
gesehen, als ich das Diplom mit einem Durchschnitt
von 2,5 in der Hand hielt, als wir in die neue
Wohnung zogen, die nicht in der Innenstadt liegt,
als ich ihr offenbaren musste, dass ich keine
Kinder zeugen kann. Immer dieser tadelnde Blick.
Sie sagt immer, alles wäre perfekt, doch in ihren
Augen sehe ich etwas ganz anderes. Sie ist längst
gelangweilt von mir, wünscht sich einen besseren
Mann. Dabei tue ich doch alles für sie, damit wir
uns die teure Wohnung, in die unbedingt ziehen
wollte, leisten können, mache ich Überstunden.
Doch da beschuldigt sie mich wieder...Natürlich
gehe ich fremd, 7 Tage die Woche, 24 Stunden lang.
Was denkt die sich eigentlich?
Letzte Woche waren wir zusammen essen, ich wollte
mit ihr in Ruhe über alles reden und diese
Eifersuchtssache ein für alle mal aus der Welt
schaffen. Doch statt, dass sie mir zuhört, mich
ausreden lässt und ich die Anschuldigungen aus der
Welt räumen kann, schreit sie mich in der
Öffentlichkeit an, reimt sich wieder wer weiß was
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Das perfekte Paar
(Sara Paulat)
zusammen, es war mir wirklich peinlich. Seit dem
reden wir kein Wort mehr miteinander. Doch das
kann doch nicht so weitergehen...Heute habe ich es
dann noch ein letztes Mal versucht, ich wollte sie
mit Konzertkarten überraschen. Sie gönnt sich doch
so selten etwas, arbeitet viel. Alles was ich tue,
deutet sie schlecht, wenn ich nett zu ihr sein
will, denkt sie, ich hätte sie schon wieder
hintergangen. Das ist doch inzwischen krank....Und
mich macht das auch krank. Ich kann doch so
eingeengt nicht weitermachen, alles was ich tue
und sage ist falsch, nie kann ich es ihr recht
machen.
Ich weiß nicht, ob ich das noch lange aushalte, so
kann man nicht leben. Sie ist doch nie zufrieden
mit mir, nie kann ich perfekt genug sein, nie
ihren Ansprüchen genügen. Diese grundlosen
Anschuldigungen machen mich fertig. Ich wollte
doch, dass alles wieder gut wird. Aber wieder und
wieder hat sie mich ohne Grund beschuldigt, woher
kommt nur dieses Misstrauen? Das macht mich
wahnsinnig...Ich komme hier nicht mehr raus, wenn
ich mich von ihr trenne, wird sie mich trotzdem
weiter terrorisieren und meine Eltern mir das Erbe
aberkennen. Aber ich kann nicht mehr, ich bin zu
müde, mich zu rechfertigen, zu müde alles für sie
zu geben, die es einfach nicht versteht. Ich kann
so nicht weitermachen, es geht einfach nicht mehr.
Das Leben hat doch so keinen Sinn mehr. Auf der
Arbeit wird mich niemand vermissen, ich habe es in
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Das perfekte Paar
(Sara Paulat)
all den Jahren nie geschafft, bei meinem Chef
Eindruck zu hinterlassen. Er kann sich noch nicht
einmal meinen Namen merken. Ich bin eine Null.
Beziehung, Arbeit, Freunde...Freunde? Ich habe ja
keine, die hat Franka erfolgreich alle vergrault.
Maria und Philipp denken ja
inzwischen...vielleicht zurecht...sie wäre
gestört. Das kann ich ihnen nicht verübeln. Maria
unterstellte sie, sie sei nur mit meinem besten
Freund zusammen um an mich heran zu kommen. Das
ist doch wirklich nicht normal, bei den Haaren
herbei gezogen. Warum habe ich mich nur damals auf
ihre Seite gestellt, ich hätte damals Schluss
machen sollen. Stattdessen redet Philipp kein Wort
mehr mit mir. Also? Was macht das Ganze hier denn
noch für einen Sinn? Mich braucht doch hier
niemand...
Ich halte das nicht mehr aus. Eigentlich sehe ich
keinen anderen Ausweg.
Da saß sie nun. Und er lag neben ihr. Still.
Blass. Tot. Sie nahm ihr Buch zur Hand und begann
zu lesen. Endlich war sie frei. Er war tatsächlich
tot.
Die leere Schachtel Schlafmittel, die neben ihm
lag, bemerkte sie nicht.
Auf dem Küchentisch stand der Kaffe, den sie ihm
am Morgen zubereitet hatte. Unangerührt.
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wirklich tolle Geschichte Sara. Mehr Davon!