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Der Prozeß - Interpretation

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Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
Franz Kafka: Der Proceß
Von Ritchie Robertson
Die zentrale Metapher des Proceß-Romans hängt mit dessen biographischem Anlass
eng zusammen. Am 12. Juli 1914 erlebte Kafka eine peinliche Szene im Berliner Hotel
»Askanischer Hof«, als seine erste Verlobung mit Felice Bauer in Anwesenheit von
Freunden und Verwandten aufgelöst wurde. Der Bericht über dieses Ereignis in Kafkas
Tagebucheintragung vom 23. Juli 1914 verwendet schon die Gerichtsmetaphorik, die im
bald darauf angefangenen Roman wiederkehrt: »Der Gerichtshof im Hotel. Die Fahrt in
der Droschke. Das Gesicht F.’s. Sie fährt mit den Händen in die Haare, wischt die Nase
mit der Hand, gähnt. Rafft sich plötzlich auf und sagt gut Durchdachtes, lange
Bewahrtes, Feindseliges« (KKAT 658). Am 28. Juli 1914 trägt Kafka in sein Tagebuch
ein: »Wenn ich mich nicht in einer Arbeit rette, bin ich verloren« (ebd. 663). Am
folgenden Tag schreibt er ein Erzählfragment, in welchem ein Josef K. zum ersten Mal
auftritt. Durch die Arbeit am Roman wollte Kafka in erster Linie dieses schmerzliche
Erlebnis überwinden, indem er das eigene Schuldgefühl untersuchte und dadurch zu
Selbsterkenntnis gelangte. Dieses Vorhaben geht aus einer Tagebucheintragung vom
15. Oktober 1914 eindeutig hervor: »14 Tage, gute Arbeit zum Teil, vollständiges
Begreifen meiner Lage« (ebd. 678). Die Gerichtsmetaphorik impliziert aber auch, dass
Kafka über seine eigene Situation hinausgelangen und allgemeinere Fragen der
Gerechtigkeit anschneiden will, war doch die Metapher »Dichtung als Gerichtstag« um
die Jahrhundertwende sehr geläufig. Sie geht auf einen Spruch Ibsens zurück, der
längst zum geflügelten Wort geworden war:
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
Leben heißt: dunkler Gewalten
Spuk bekämpfen in sich.
Dichten: Gerichtstag halten
über das eigene Ich.1
Am 15. August – und diese Eintragung dürfte auch für den Sinn, den Kafka dem Roman
beimaß, bedeutsam sein – heißt es: »Ich schreibe seit paar Tagen, möchte es sich
halten. So ganz geschützt und in die Arbeit eingekrochen, wie ich es vor 2 Jahren war,
bin ich heute nicht, immerhin habe ich doch einen Sinn bekommen, mein regelmäßiges,
leeres, irrsinniges junggesellenmäßiges Leben hat eine Rechtfertigung« (KKAT 548 f.).
Ein größerer Teil des Romans dürfte in den folgenden zwei Monaten niedergeschrieben
worden sein. Um sich ganz darauf konzentrieren zu können, beantragte Kafka von
seinen Arbeitgebern einen vierzehntägigen Urlaub (5.–18. Oktober); für den Roman
war dieser Urlaub nicht so fruchtbar, wie er gehofft hatte, allerdings schrieb er in dieser
Zeit die Erzählung In der Strafkolonie und das »Oklahama«-Kapitel des Romans Der
Verschollene
. In den folgenden Monaten berichtet Kafka in seinem Tagebuch missmutig
vom langsamen, stockenden Fortschritt der Arbeit, bis er vermutlich im Januar 1915
den Roman endlich liegen ließ.
Durch eine genaue Untersuchung der Schriftträger ist es Malcolm Pasley, dem
Herausgeber des Romans im Rahmen der Kritischen Kafka-Ausgabe, gelungen, die
ursprüngliche Blattfolge von Kafkas Schreibheften und damit die Reihenfolge, in der die
verschiedenen Textpartien entstanden sind, zu rekonstruieren. Entgegen seiner
üblichen Arbeitsweise schuf Kafka einen festen Rahmen für seine Geschichte, indem er
gleich nach dem Anfangskapitel (»Verhaftung«) auch das Schlusskapitel (»Ende«) zu
Papier brachte. Da er aus Erfahrung wusste, dass linear entwickelte Erzählhandlungen
die Tendenz hatten, ihm »auseinanderzulaufen«, wollte er dieser Gefahr zuvorkommen.
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
Auch die übrigen Kapitel konzipierte Kafka nicht als Teile einer linear verlaufenden
Geschichte, sondern als »Stationen« auf dem Weg seines Helden.2 Im Laufe der Arbeit
scheint Kafka die abgeschlossenen oder kurz vor dem Abschluss stehenden Textteile in
Konvolute gelegt und auf deren Deckblättern Stichworte notiert zu haben, die entweder
als Überschriften dienen oder den jeweiligen Inhalt zusammenfassen sollten. Andere
Textteile wurden nur in Einschlagblätter gelegt, die ebenfalls mit Stichworten
beschriftet wurden. Im letzteren Fall scheint es sich um Kapitel zu handeln, die Kafka
für unfertig und vielleicht für missglückt hielt. Sowohl Max Brods Ausgabe als auch die
Kritische Ausgabe bringen diese unvollendeten Kapitel als Anhang zum Romantext,
wobei die Kritische Ausgabe das Gespräch mit Fräulein Montag, das in einem Konvolut
mit der Beschriftung »B.’s Freundin« überliefert ist, zu den »Fragmenten« rechnet.
Außerdem wird das Kapitel, das in Brods Ausgabe das erste bildet, in der Kritischen
Ausgabe in zwei Abschnitte geteilt, die dem Inhalt zweier verschiedener Konvolute
entsprechen: zuerst »Verhaftung« und danach »Gespräch mit Frau Grubach. Dann
Fräulein Bürstner«.
Gerade bei diesem Roman kommt der Entstehungsgeschichte eine besondere
Bedeutung zu, weil sie mehrere schwierige Fragen aufwirft, die nicht allein durch eine
Betrachtung des Textes zu beantworten sind. Was für ein Status soll den Fragmenten
zukommen? Darf zum Beispiel das Fragment »Staatsanwalt«, in dem K.s Freundschaft
mit seinem Stammtischgenossen, dem im ersten Romankapitel flüchtig erwähnten
Staatsanwalt Hasterer, ausführlich dargestellt wird, herangezogen werden, um die
spärlichen Andeutungen im Haupttext über K.s Lebensweise zu ergänzen? Im Fragment
»Fahrt zur Mutter« erfahren wir, dass K. seiner Mutter versprochen hatte, seine
Geburtstage bei ihr zu verbringen, dieses Versprechen aber seit zwei Jahren nicht
gehalten hat. Darf man diese Tatsache mit K.s Verhaftung, die ausgerechnet an seinem
dreißigsten Geburtstag geschieht, in Verbindung bringen? Da der Roman im Ganzen
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
nicht abgeschlossen wurde, ist die Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen, dass
Kafka bei weiterer Arbeit diese Fragmente in das Romangeschehen integriert hätte.
Andrerseits sprechen praktische Erwägungen dafür, die Kapitel, die Kafka für
abgeschlossen erachtete, als den eigentlichen Romantext zu betrachten und die
interpretatorischen Bemühungen darauf zu beschränken.
Eine zweite ungelöste Frage bezieht sich auf die Reihenfolge der Kapitel. In der
Kritischen Ausgabe wird dieses Problem eher konservativ behandelt. Der strittigste
Punkt ist wohl die Einordnung des »Prügler«-Kapitels. Wie der Herausgeber bemerkt,
muss dieses in relativer Nähe zu dem Kapitel »Erste Untersuchung« stehen, weil K. sich
dort über das Verhalten der Wächter beschwert, die das Gericht dann mit ominöser
Bereitwilligkeit bestrafen lässt. Es läge demnach nahe, das »Prügler«-Kapitel gleich
nach »Erste Untersuchung« zu stellen, statt die beiden durch das Kapitel »Im leeren
Sitzungssaal« zu trennen. Als Gegenargument weist der Herausgeber darauf hin, dass
die meisten Kapitel mit Zeitangaben anfangen, die eine andere Einordnung nahe legen.
Aus dem Text geht hervor, dass K.s zwei Besuche in den Gerichtskanzleien durch eine
Woche getrennt sind. Wenn das »Prügler«-Kapitel, das mit den Worten »Als K. an
einem der nächsten Abende« (KKAP 108) anfängt, vor dem Kapitel »Im leeren
Sitzungssaal« und dessen einleitenden Worten »K. wartete während der nächsten
Woche« (KKAP 73) stünde, ergäbe sich ein Widerspruch. Dagegen wäre einzuwenden,
dass die Zeitangaben keineswegs auf ein feststehendes Zeitschema schließen lassen,
sondern eher als lockere und durchaus provisorische Bindungsglieder zwischen den
einzelnen Kapiteln zu betrachten sind. Dass Kafka dabei gelegentliche Widersprüche
unterlaufen sind, ist bei seiner Arbeitsweise nicht verwunderlich. Es kommen weitere
Widersprüche im Text vor: so heißt K.s Onkel zunächst »Karl« (KKAP 118), wird aber
später, offensichtlich aus Vergesslichkeit, in »Albert« umgetauft (KKAP 131). Wäre
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
Kafka dazu gekommen, den Roman zu überarbeiten, hätte er diese Widersprüche wohl
beseitigt.
Wenn man Struktur und Sinn des ganzen Romans in Erwägung zieht, so ergeben sich
weitere Gründe, das »Prügler«-Kapitel unmittelbar nach »Erste Untersuchung« und vor
»Im leeren Sitzungssaal« einzuordnen. In Hinblick auf die Romankomposition scheint
es sehr ungeschickt, zwei Kapitel aneinander zu reihen, in denen K. das Gericht
besucht, ohne das kürzere »Prügler«-Kapitel zur Abwechslung zwischen die beiden
einzufügen. In seinem vorzüglichen Buch Kafka’s Trial. The Case Against Josef K., das –
wohl wegen des entlegenen Erscheinungsortes (St. Lucia, Australien) – bei der Kafka-
Forschung viel zu wenig Resonanz gefunden hat, weist Eric Marson darauf hin, dass die
Romanhandlung in drei deutlich voneinander getrennte Teile zerfällt: »The first section
of five chapters deals with the court’s unsuccessful approaches to K. and with his
misunderstandings about them. The second concerns his fruitless attack on the court,
using his own weapons. He remains for the whole time in a shadowy periphery of the
court and never really gets near it. The third section is essentially two kinds of
approach to K. by the court.«3 Im ersten Teil greift das Gericht wiederholt in K.s Leben
ein, indem es ihn verhaften lässt, ihn zu einer Sitzung beruft und die Wächter auf
seinen Wunsch hin bestraft. Im zweiten Teil hält sich das Gericht von K.s Leben fern,
während K. die Initiative ergreift und vermeintliche Helfer – Titorelli und den
Advokaten – aufsucht, die ihm in seinem Kampf gegen das Gericht beistehen sollen. Im
dritten Teil, das aus den beiden abschließenden Kapiteln »Im Dom« und »Ende«
besteht, regt sich das Gericht wieder, indem es die Begegnung zwischen K. und dem
Geistlichen herbeiführt, eine letzte – als »Türhüterlegende« verrätselte – Warnung an
K. ergehen lässt und ihn schließlich zur Hinrichtung verurteilt. Nun bildet das Kapitel
»Im leeren Sitzungssaal« einen weitaus wirkungsvolleren Höhepunkt und Abschluss des
ersten Romanteils, als das »Prügler«-Kapitel. Denn dieses gipfelt in der Begegnung
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
zwischen K. und dem »Auskunftgeber«, von dem es heißt: »Er gibt den wartenden
Parteien alle Auskünfte, die sie brauchen, und da unser Gerichtswesen in der
Bevölkerung nicht sehr bekannt ist, werden viele Auskünfte verlangt. Er weiß auf alle
Fragen eine Antwort. Sie können ihn, wenn Sie einmal Lust dazu haben, daraufhin
erproben« (KKAP 102). So wird K. nachdrücklich die Gelegenheit angeboten, nach den
Gründen für seine unerklärliche Verhaftung und den Gegenmaßnahmen zu fragen.
Diese Gelegenheit versäumt er aber, weil ihm die Luft in den Kanzleien so schlecht
bekommt, dass er die Beamten nur im buchstäblichen, nicht im weiteren Sinn bittet,
ihn »aus den Kanzleien hinaus[zu]führen« (KKAP 101). Diese zutiefst ironische
Situation wird im weiteren Verlauf der Handlung zweimal wiederholt: einmal, als K. im
Gespräch mit Titorelli von »wirklichen Freisprechungen« erfährt, aber kein Interesse
dafür bekundet, weil sie nur in »Legenden« vorkommen (KKAP 208); und zuletzt in der
Unterredung mit dem Geistlichen, wo K. endlich doch die Geduld aufbringt, einer
Legende zuzuhören, in der anschließenden Diskussion aber an dem eigentlichen Sinn
der Legende vorbeigeht. Diese erzählerische Grundsituation, die Begegnung mit dem
potentiellen ›Auskunftgeber‹, dessen Auskünfte der Romanheld entweder nicht hören
will oder nicht verstehen kann, kehrt im Schloß-Roman wieder, wo K. durch einen
unwahrscheinlichen Zufall auf den für seinen Fall zuständigen Schlosssekretär Bürgel
stößt, infolge seiner Übermüdung aber Bürgels Erklärungen verschläft. Die Erkenntnis
oder Anagnorisis, die laut Aristoteles am Wendepunkt einer gut aufgebauten
Dramenhandlung einsetzt und seither zum wesentlichen Teil der Erzählhandlung
überhaupt gerechnet wird, erfährt bei Kafka eine Wandlung ins Negative.4 Man könnte
diese Grundsituation die ›verfehlte Anagnorisis‹ nennen. Da sie bei Kafka eine so
wichtige Stelle einnimmt, scheint die Annahme sinnvoll, dass der erste Textteil (nach
Marsons Unterteilung) in einer solchen Szene hätte gipfeln sollen und die Zeitangaben,
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
auf die der Herausgeber der Kritischen Ausgabe so viel Gewicht legt, nur als
provisorisch zu betrachten sind.
Mit dieser Beschreibung der Struktur der Romanhandlung nähern wir uns der Frage,
wie die Instanz, die so unerwartet in K.s Leben eingetreten ist, zu interpretieren sei.
Verkörpert sie eine letztlich religiöse Autorität? Sollen wir K.s »Schuld« ernst nehmen?
Wenn ja, ist diese Schuld auf eine bestimmte Handlung oder Unterlassung K.s
zurückzuführen, oder nach Art der Erbsünde auf eine nicht weiter erklärbare Weise in
seinem Wesen verwurzelt? Oder stellt das Gericht, wie Ulf Abraham argumentiert hat,
vielmehr die Macht als solche dar, die aus unerklärlicher Bosheit mit Josef K. Katz und
Maus spielt und dabei die Mechanismen der Machtausübung und Schuldzuweisung
veranschaulicht?5 Man müsste dann annehmen, dass das Gericht vorhat, Josef K. eine
im Grunde imaginäre Schuld anzulasten und ihn somit zum Opfer zu machen. Nimmt
man die zweifellos vorhandenen religiösen Untertöne für bare Münze, so läuft man
Gefahr, moralische oder gar theologische Überzeugungen in den Roman
hineinzuprojizieren. Bei einem von vornherein skeptischen Deutungsansatz aber
besteht die Gefahr, dass man sich mit einem allzu oberflächlichen Verständnis des
Romans begnügt.
Die ›Gretchenfrage‹ nach dem möglichen religiösen Hintersinn des Proceß-Romans
gehört zu den Konstanten in dessen Rezeption. Von den Versuchen Max Brods, eine
eher eindimensional theologische Deutung von Kafkas Werken zu propagieren, spannt
sich der Bogen bis zu einigen der jüngsten Untersuchungen. Selbstverständlich haben
solche Deutungsversuche häufig Skepsis und Widerwillen hervorgerufen, zumal Brod im
Laufe der Zeit sein Verständnis Kafkas mit zunehmender Beharrlichkeit verteidigte,
doch scheint die Rezeption spiralenförmig zu verlaufen, in der Weise, dass ähnliche
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
Ansichten immer wieder, nur in subtilerer und differenzierter Form, vorgetragen
werden. Im Folgenden seien einige der wichtigsten Deutungsversuche kurz referiert.
Ohne Zweifel stammen die einflussreichsten Hinweise zum Verständnis des Proceß-
Romans von Max Brod. Obwohl er sich im Nachwort zur Erstausgabe einer Deutung des
Romans enthält und sich auf eine Beschreibung der Textüberlieferung beschränkt,
kommt er im Nachwort zum Schloß auf den früheren Roman und dessen Sinn zurück,
weil er in der Zwischenzeit auf so viele haarsträubende Fehldeutungen gestoßen sei.
Das unerreichbare Schloss, verkündet Brod, sei »genau das, was die Theologen
›Gnade‹ nennen. [. . .] Somit wären im Proceß und im Schloß die beiden
Erscheinungsformen der Gottheit (im Sinne der Kabbala) – Gericht und Gnade –
dargestellt.«6 Obwohl diese Behauptung zumindest als eine grobe Vereinfachung der
Sachlage zu betrachten ist, sollte sie einen nachhaltigen Einfluss auf die Kafka-
Rezeption ausüben. Hinzu kommt, dass Brod in seiner 1937 zuerst erschienenen
Biographie Kafkas das Schicksal Josef K.s mit dem alttestamentlichen Hiob und dessen
Aufbäumen gegen die scheinbare Ungerechtigkeit Gottes in Zusammenhang bringt. Der
Roman wird als Reflex von Kafkas eigener religiösen Entwicklung dargestellt. In den
weiteren Büchern über Kafka, die Brod seiner Biographie folgen ließ, wird diese
religiöse Interpretation verfestigt. Brod bemüht sich, Kafkas Weltanschauung von der
damals einflussreichen Krisentheologie scharf abzugrenzen und ihm einen Trost
verheißenden Gnadenbegriff zuzuschreiben. Dieser Deutung gegenüber dürfte Skepsis
geboten sein, nicht nur, weil Brod die Radikalität von Kafkas Denken zu unterschätzen
scheint, sondern vor allem deshalb, weil sich Brod für Kafkas künstlerische Leistung
kaum interessiert und das Werk, vor allem die Romane Der Proceß und Das Schloß, auf
seine vermeintliche religiöse Botschaft reduziert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das von Brod dargebotene religiöse
Deutungsmuster aufgegriffen und weiterentwickelt, und zwar von Autoren, die seine
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
optimistische Grundhaltung teilten und den radikalen Pessimismus Kafkas zu
verdrängen suchten. Dergleichen Vereinfachungen verdienen durchaus die scharfe
Kritik, die Peter U. Beicken in seinem Forschungsbericht an ihnen übt.7 Hans Joachim
Schoeps, der Kafka »in die Reihe der großen homines religiosi Pascal – Baal Schem –
Kierkegaard – Dostojewskij« stellt, glaubt an die Möglichkeit einer versöhnenden
Lösung: hätte K. das unterschwellige Sündenbewusstsein nicht so hartnäckig
verdrängt, sondern seine Sündhaftigkeit reumütig eingestanden, hätte er davon erlöst
werden können.8
Andere Kafka-Kritiker waren nicht bereit, den Roman auf eine streng theologische
Deutung festlegen zu lassen. Im Kielwasser des Existentialismus wurde K. oft als der
Mensch schlechthin, als eine Jedermann-Figur, verstanden.9 Demnach ginge seine
Schuld auf keinen bestimmbaren Fehltritt zurück, sondern wäre als Existenzschuld zu
verstehen, die durch Erkenntnis und Eingeständnis zu büßen sei. In einem
hervorragenden Aufsatz vertritt Ingeborg Henel die Ansicht, dass Josef K. ein »Mann
ohne Eigenschaften« sei, dessen Verhaftung einer menschlichen Grundsituation
entspreche: Aus Angst vor der Selbsterkenntnis wage der Mensch nicht, durch die
offene Tür ins »Gesetz« einzutreten, sondern richte sein Augenmerk auf die
Autoritäten, denen er die Verantwortung für seine eigene Lage zuschiebt.10 Zu dieser
Deutungsrichtung darf man auch die umfangreiche Kafka-Studie von Wilhelm Emrich
rechnen. Aus der Bemerkung Titorellis: »Es gehört ja alles zum Gericht« (KKAP 202),
folgert Emrich, dass das Gericht »die gesamte Lebenswirklichkeit« darstelle, und zwar
nicht nur die äußere Wirklichkeit, sondern auch den inneren Zustand Josef K.s. Die
unübersichtliche Vielfältigkeit der Lebenstotalität setze den Menschen außerstande, den
Sinn seiner eigenen Existenz zu begreifen. Trotzdem könne sich der Mensch dem
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

Ritchie Robertson
Reclam
Franz Kafka: Der Proceß
Gefühl der Verantwortung sowohl für sích als auch für das Ganze nicht entziehen. In
diesem Widerspruch sieht Emrich den Grund für K.s Untergang.11
In der groß angelegten Kafka-Studie Walter H. Sokels, die rasch den Rang eines
Standardwerks erlangte, bekam der existenzphilosophische Ansatz eine
psychoanalytische Färbung.12 Ausgehend von der Kampfmetaphorik in Kafkas frühesten
erhaltenen Erzählungen und von den Strafphantasien in Das Urteil und Die
Verwandlung
, stellt Sokel einen Unterschied auf zwischen dem »reinen Ich« des
Protagonisten und dessen unreinem, schuldbeladenem, in weltliche Belange und
eigensüchtige Triebe verstricktem Ich, das an der Erkenntnis seiner Schuld
zugrundegeht. Sokel widersteht der Versuchung, diesen Gegensatz herkömmlichen
religiösen Mustern anzugleichen: das reine Ich besitze zwar die negativen Merkmale der
Heiligkeit, das heißt Entweltlichung und Askese, nicht aber den Aufopferungswillen, der
in einer positiven Darstellung der Heiligkeit zutage treten müsste. Nachdem das Gericht
in sein Leben eingetreten ist und seine latente Gespaltenheit aufgedeckt hat, werde
Josef K. in zunehmendem Maße seinen beruflichen Bestrebungen entfremdet, ohne
dass ihm der Durchbruch etwa zu einem neuen Leben gelänge. Stattdessen
konzentriere er seine Energie auf den Kampf um die Erhaltung seines nackten Daseins.
Seine tragische Schuld besteht nach Sokel gerade in der Unfähigkeit, seine
Gespaltenheit zu überwinden.
Mit der jüngst erschienenen Arbeit Karl Erich Grözingers, Kafka und die Kabbala,
treten religiöse Fragen nach einer längeren Unterbrechung wieder in den
Vordergrund.13 Grözinger behauptet, keine Deutung des Proceß-Romans vorlegen,
sondern nur den jüdischen Hintergrund des Romans beleuchten zu wollen, indem er das
chassidische und kabbalistische Material, das Kafka bekannt gewesen sein dürfte, dem
Leser unterbreitet. Dieses bescheiden formulierte Ziel setzt eine religiöse Deutung
voraus. Immerhin sind die Ähnlichkeiten zwischen der Bilderwelt Kafkas und derjenigen
© 1994, 2001 Philipp Reclam jun., Stuttgart.

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