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Die Diagnose spiritueller Krisen

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Aus "Die stürmische Suche nach dem Selbst" von Christina und Stanislav Grof: "Zwei wichtige und häufig gestellte Fragen sind die, wie man eine spirituelle Krise diagnostizieren kann, und wie es möglich ist, zwischen transformativen Krisen, spiritueller Entwicklung und Geisteskrankheit zu unterscheiden. Um diese Fragen ernsthaft stellen zu können, müssen die Fachleute die Tatsache akzeptieren, daß Spiritualität eine legitime Dimension der Existenz ist und ihr Erwachen und ihre Entwicklung erwünscht sind."
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Die Diagnose der spirituellen Krise
Zwei wichtige und häufig gestellte Fragen sind die, wie man eine spiritu-
elle Krise diagnostizieren kann, und wie es möglich ist, zwischen transfor-
mati¬ven Krisen, spiritueller Entwicklung und Geisteskrankheit zu
unterscheiden. Um diese Fragen ernsthaft stellen zu können, müssen die
Fachleute die Tatsache akzeptieren, daß Spiritualität eine legitime Dimen-
sion der Existenz ist und ihr Erwachen und ihre Entwicklung erwünscht
sind.
Die Unterscheidungskriterien für spirituelle Entwicklung und spirituelle Kri-
sen finden sich in Tabelle 1 auf Seite 59. Da es zwischen diesen beiden
Zuständen keine scharfen Grenzen gibt, müssen diese Kriterien einfach
als nützliche Richtlinien betrachtet werden. Das erste wichtige Kriterium
ist die Intensität und Tiefe des Prozesses, die Art, in der er fließt, und das
Ausmaß, in dem der Betreffende den Alltag meistern kann.
Ebenso wichtig ist die Einstellung zu dem, was geschieht — ob der Pro-
zeß als aufregend und wertvoll oder als erschreckend und überwältigend
erlebt wird. Und schließlich ist auch die Fähigkeit, die Begegnung mit
dem Rest der Gesellschaft aufrecht erhalten zu können, von großer Be-
deutung. Wie gut man differenzieren kann, mit welchen Leuten man über
die Erfahrungen sprechen will, und welche Sprache man dabei benutzt,
kann für die Frage, ob man in eine Klinik eingewiesen werden wird, be-
stimmend sein.
Wenn die Entscheidung getroffen wurde, daß jemand die Grenzen einer
spirituellen Entwicklung überschritten hat und vor einer Krise steht, folgen
als nächstes die diagnostischen Überlegungen. Die wesentlichen Krite-
rien zur Unterscheidung zwischen spirituellen Krisen, streng medizini-
schen Krankheiten und sogenannten Geisteskrankheiten haben wir
wieder in Form einer Tabelle zusammengestellt (Tabelle 2 auf Seite 362 f.).
Die erste diagnostische Aufgabe ist die, alle durch klinische und Labor-
tech¬niken feststellbaren medizinischen Zustände zu entdecken, die für
die wahrnehmenden, emotionalen und anderen auftretenden Manifesta-
tionen verantwortlich sein könnten — etwa Enzephalitis, Meningitis oder
andere Infektionskrankheiten, Gehirn-Arteriosklerose, Schläfentumore,
Urämie und andere, von denen man weiß, daß sie das Bewußtsein ver-
ändern können.

Die psychologischen Symptome dieser organischen Psychosen lassen sich
durch psychiatrische Untersuchungen und psychologische Tests deutlich von
funktionalen Psychosen unterscheiden. Die Kriterien dafür finden sich in der
ersten Spalte der Tabelle 2.
Wenn die angemessenen Untersuchungen und Tests die Möglichkeit ausge-
schlossen haben, daß das Problem organischer Natur ist, muß als nächstes
herausgefunden werden, ob der Klient in die Kategorie der spirituellen Krisen
fällt — das heißt seinen Zustand von funktionalen Psychosen zu unterscheiden.
Es gibt keine Möglichkeit, absolut klare Kriterien für die Unterscheidung zwi-
schen spirituellen Krisen und Psychose oder Geisteskrankheit aufzustellen, da
es diesen Begriffen selbst an objektiver wissen-schaftlicher Validität mangelt.
Man darf Kategorisierungen dieser Art nicht mit so präzise definierten Erschei-
nungen wie Diabetes mellitus oder perniziöser Anämie vergleichen. Funktionale
Psychosen sind streng genommen keine Krankheit, und sie können nicht so
genau identifiziert werden, wie es in der Medizin zur Erstellung einer differen-
zierten Diagnose nötig ist. Die Aufgabe, zu unterscheiden, ob wir es in einem
bestimmten Fall mit einer spirituellen Krise zu tun haben, bedeutet praktisch,
daß wir einschätzen müssen, ob der Klient von den in diesem Buch beschrie-
benen Strategien profitieren könnte oder ob er auf traditionelle Weise behandelt
werden sollte. Die Kriterien für eine Entscheidung dieser Art sind in der zweiten
Spalte von Tabelle 2 zusammengefaßt. Der Inhalt einer typischen spirituellen
Krise ist eine Kombination von transpersonalen, perinatalen und biographi-
schen Erfahrungen. Er weist einen gewissen Grad von Kohärenz auf und dreht
sich wahrscheinlich um eines der im vierten Kapitel beschriebenen Themen
oder eine Kombination von diesen.
Zu den günstigen Zeichen gehören eine Biographie mit angemessener psy-
chischer, sexueller und sozialer Angepaßtheit vor der Episode, die Fähigkeit, in
Betracht zu ziehen, daß der Prozeß der eigenen Psyche entstammen könnte,
ausreichend Vertrauen, um zu kooperieren, und die Bereitschaft, die Grundre-
geln der Behandlung anzuerkennen. Dagegen können eine lange Geschichte
von ernsthaften psychologischen Schwierigkeiten und geringer sexueller und
sozialer Anpassung im allgemeinen Vorsicht gebieten. Außerdem zeigen inhalt-
lich verwirrte und schlecht geordnete Erfahrungen, das Auftreten der Bleuler-
schen Primärsymptome von Schizophrenie, eine Häufung von manischen
Elementen, der systematische Einsatz von Projektion und das Vorkommen von
verfolgenden Stimmen und Einbildungen an, daß traditionelle Ansätze vorzuzie-
hen sein könnten. Weitere negative Indikatoren sind starke destruktive und
selbstzerstörerische Tendenzen und Verletzungen der Grundregeln der Be-
handlung.
Bei den Klienten, die in die Kategorie der spirituellen Krise passen, macht

der Versuch, traditionelle psychiatrische Etikettierungen zu verwenden,
sehr wenig Sinn. Da jedoch Ärzte mit traditioneller Ausbildung gewohnt
sind, in solchen Begriffen zu denken und oft auch im Kontext des etablier-
ten medizinischen Systems arbeiten müssen, werden wir hier kurz auf die
Etikettierungen eingehen.
Die Möglichkeiten, die die offiziellen diagnostischen Untersuchungsme-
thoden den Fachleuten zur Beschreibung von Menschen anbieten, die
eine spirituelle Krise durchleben, sind eindeutig unbefriedigend. Sie gel-
ten im großen und ganzen für schizophrene, manisch-depressive und pa-
ranoide Reaktionen. Eine sorgfältige Analyse der Manifestationen der
wesentlichen Arten von spirituellen Krisen zeigt, daß sie in keine der offi-
ziellen Kategorien passen. Da die traditionelle Psychiatrie keine Unter-
scheidung zwischen psychotischen Reaktionen und mystischen
Zuständen macht, erhalten nicht nur die Krisen der spirituellen Öffnung,
sondern auch unkomplizierte transpersonale Erfahrungen oft ein patholo-
gisches Etikett.
Diese Situation ist zu Recht von transpersonal orientierten Therapeuten
und Forschem kritisiert worden. Der deutlichste und schärfste Kritiker der
derzeitigen diagnostischen Praktiken auf diesem Gebiet ist David Lukoff,
ein Psychiater an der Universität von Kalifornien in Los Angeles. Er hat
die Notwendigkeit betont, zwischen mystischen Zuständen und psychoti-
schen Reaktionen zu unterscheiden. Er meint, die Psychiatrie sollte zwei
zusätzliche Kategorien für die Fälle haben, in denen das Mystische und
das Psychotische einander überschneiden: mystische Zustände mit psy-
chotischen Zügen und psychotische Zustände mit mystischen Qualitäten.
Unter den gegenwärtigen Umständen verdunkelt die Verwendung von di-
agnostischen Etikettierungen die Fragen und behindert das heilende Po-
tential des Prozesses. Zusätzlich zu den sozial stigmatisierenden und
psychisch schädigenden Auswirkungen schafft dies zu Unrecht den Ein-
druck, die Störung sei eine präzise identifizierte Krankheit, und dient der
Rechtfertigung von unterdrückender Medikation als einer wissenschaftlich
ange-zeigten Behandlung.

Tabelle 2: Unterscheidung zwischen spiritueller Entwicklung und
psychiatrischen Störungen
Charakteristika des Prozesses, die
Charakteristika des Prozesses, die nahe-
auf die Notwendigkeit eines
legen, daß Strategien für spirituelle Ent-
medizinischen Herangehens an das
wicklung funktionieren könnten
Problem hinweisen
Medizinische Kriterien
Klinische Untersuchungen und Labor-
Negative Ergebnisse von klinischen Un-
tests decken eine physische Krankheit
tersuchungen und Labortests für eine
auf, die psychische Veränderungen be-
physische Krankheit
wirkt
Klinische Untersuchungen und Labor-
Negative Ergebnisse bei den klinischen
tests decken einen Krankheitsprozeß im
Untersuchungen und Labortests für ei-
Gehirn auf, der psychologische Verän-
nen pathologischen Prozeß, der das Ge-
derungen bewirkt (neurologische Refle-
hirn beeinflußt
xe, Rückenmarksflüssigkeit, Röntgen
usw.)
Spezifische psychologische Tests wei-
Negative Ergebnisse bei den psycholo-
sen auf eine organische Schädigung des
gischen Tests für organische Schädigun-
Gehirns hin
gen
Schädigung von Intellekt und Gedächt-
Intellekt und Gedächtnis qualitativ ver-
nis, umnebeltes Bewußtsein, Probleme
ändert, aber intakt, Bewußtsein meist
mit der grundlegenden Orientierung
klar, gute grundlegende Orientierung,
(Name, Zeit, Ort), schlechte Koordina-
Koordination nicht ernsthaft gestört
tion
Verwirrung, Desorganisation und ge-
Fähigkeit zu kommunizieren und zu ko-
störte intellektuelle Funktionen behin-
operieren (gelegentlich könnte tiefes In-
dern die Kommunikation und Koopera-
volviertsein in den inneren Prozeß ein
tion
Problem sein)
Psychologische Kriterien
Die persönliche Geschichte weist seit
Angemessene Funktionsweisen vor der
der Kindheit ernsthafte Schwierigkeiten
Episode, die durch zwischenmenschli-
mitzwischenmenschlichen Beziehungen
che Fertigkeiten belegt sind; einiger Er-
auf; Unfähigkeit, Freundschaften zu
folg in Schule und Beruf; Netzwerk von
schließen und intime sexuelle Beziehun-
Freunden und die Fähigkeit zu sexuellen
gen zu haben; schlechte soziale Anpas-
Beziehungen; keine ernsthafte psychi-
sung, meist eine lange Vorgeschichte
atrische Vorgeschichte
von psychiatrischen Problemen

Schlecht organisierter und definierter
Sequenzen von biographischen Erinne-
Prozeßinhalt; unqualifizierte Verände-
rungen; Themen von Geburt und Tod;
rungen von Emotionen und Verhalten,
transpersonale Erfahrungen; möglicherweise
unspezifische Desorganisation der psy-
die Einsicht, daß der Prozeß heilender oder
chischen Funktionen; Mangel an jedweder
spiritueller Natur ist; Wechsel und
Bedeutung; kein Hinweis auf Ent-
Entwicklung von Themen, oft
wicklungsrichtung; Entgleiten der Asso-
bestimmbares Fortschreiten; Vorfälle von
ziationen; Inkohärenz
echter Synchronizität (für andere
offensichtlich)
Autistischer Rückzug, Aggressivität
Die Fähigkeit, auch während Episoden mit
oder kontrollierendes und manipulatives
dramatischen Erfahrungen, die spontan oder
Verhalten behindert eine gute Arbeitsbe-
im Laufe der therapeutischen Arbeit
ziehung und macht die Kooperation un-
auftreten, in Verbindung zu stehen und zu
möglich
kooperieren
Die Unfähigkeit, den Prozeß als inner-
Bewußtheit der innerpsychischen Natur des
psychische Angelegenheit zu sehen;
Prozesses; ausreichende Fähigkeit,
Verwechslung von inneren Erfahrungen
zwischen Innen und Außen zu unter-
und Außenwelt, extensive Projektion
scheiden, sich den Prozeß zu eigen zu
und Schuldzuweisungen; »Ausagieren«
machen; Fähigkeit, ihn internalisiert zu
halten
Grundlegendes Mißtrauen; die Welt und
Ausreichend Vertrauen, um Hilfe anzu-
alle Menschen werden als feindlich emp-
nehmen und zu kooperieren; kein Ver-
funden; Verfolgungswahn; akustische
folgungswahn oder »Stimmen«
Halluzinationen von Feinden (»Stim-
men«) mit sehr unerfreulichem Inhalt
Durchbrechen der Grundregeln der The-
Die Fähigkeit, die Grundregeln der Therapie
rapie (sich selbst und andere nicht zu
zu respektieren; keine destruktiven oder
verletzen, die Einrichtung nicht zu zer-
selbstzerstörerischen Gedanken und
stören); destruktive und selbstzerstöreri-
Tendenzen oder aber die Fähigkeit, über
sche (suizidale oder selbstverstümmeln-
sie zu sprechen und Vorsichtsmaßnahmen
de) Impulse und eine Tendenz, sie ohne
zu akzeptieren.
Vorwarnung auszuleben


Das Verhalten gefährdet die Gesundheit
Gute Kooperation in Belangen der physischen
und gibt Anlaß zu ernsthaften Sorgen
Gesundheit, der grundlegenden Versorgung
(Weigerung, über längere Zeiträume
und der Hygieneregeln
hinweg zu essen oder zu trinken, Ver-
nachlässigung der grundlegenden hygie-
nischen Bedürfnisse)

Tabelle 1: Unterschiede zwischen spiritueller Entwicklung und
spirituellen Krisen
Entwicklung Krise
Die inneren Erfahrungen sind fließend,
Innere Erfahrungen sind dynamisch, er-
sanft, leicht zu integrieren.
schütternd, schwer zu integrieren.


Neue spirituelle Einsichten sind will-
Neue spirituelle Einsichten können phi-
kommen, erwünscht, erweiternd.
losophisch herausfordernd und bedroh-

lich sein.


Allmähliches Eindringen von Vorstel-
Überwältigendes Einströmen von Erfah-
lungen und Einsichten ins Leben.
rungen und Einsichten.


Die Erfahrungen von Energie sind ver-
Erfahrungen von starken Zuckungen,
halten und gut zu handhaben.
Zittern, die Energie stört das tägliche

Leben.

Leichte Unterscheidungsmöglichkeiten
Es fällt manchmal schwer, zwischen in-
zwischen inneren und äußeren Erfahrun-
neren und äußeren Erfahrungen zu unter-
gen und Übergang von einem zum ande-
scheiden; oder beide treten zugleich auf.
ren.


Außergewöhnliche Bewußtseinszustän-
Die inneren Erfahrungen stören und un-
de sind leicht ins tägliche Leben zu inte-
terbrechen das tägliche Leben.

grieren.


Langsame, allmähliche Veränderung in
Abrupte, schnelle Veränderung in der
der Bewußtheit von einem selbst und der
Wahrnehmung von einem selbst und der
Welt.
Welt.


Freude über innere Erfahrungen, wenn
Ambivalenz gegenüber inneren Erfah-
sie kommen. Bereitschaft und Fähigkeit,
rungen, aber Bereitschaft und Fähigkeit
mit ihnen zu kooperieren.
zur Kooperation, wenn es Unterstützung

gibt.


Akzeptierende Haltung gegenüber Ver-
Widerstand gegen Veränderung.

änderung.


Es fällt leicht, Kontrolle aufzugeben.
Notwendigkeit, Kontrolle zu behalten.


Vertrauen in den Prozeß.
Ablehnung, Mißtrauen gegenüber dem

Prozeß.

Schwierige Erfahrungen werden als
Schwierige Erfahrungen sind überwälti-
Möglichkeiten für Veränderung behan-
gend, oft unwillkommen.
delt.

Positive Erfahrungen werden als Ge-
Positive Erfahrungen sind schwer zu ak-
schenk angenommen.
zeptieren, scheinen unverdient, können
schmerzhaft sein.


Selten das Bedürfnis, über Erfahrungen
Häufiger Drang, über die Erfahrungen zu
zu reden.
sprechen.


Genaue Unterscheidung, wann, wie, mit
Unterschiedslose Kommunikation über
wem man über den Prozeß spricht.
den Prozeß (wann, wie, mit wem).

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