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Kapitalismus und Freiheit Erster Teil

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Kommentar zum ersten Kapitel von "Kapitalismus und Freiheit" von Milton Friedman
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Ihr habt gehort, dass Milton Friedman gesagt hat, wer an die personliche Freiheit glaubt, zahlt keine
Kopfe1. Ich aber sage euch, wer so denkt kann kein Demokrat sein. Wer das Uberleben der breiten
Massen fur weniger wertvoll halt als den Austausch amerikanischer Waren gegen eine Schweizer
Uhr2. Weiterhin nennt er die Laissez-faire Wirtschaft des 19. Jahrhunderts nicht [...] Unrecht"3 und
behauptet, sie hatten zu einem enormen Anstieg im Wohlstand der breiten Massen"4 gefuhrt. Dies
ist geschichtlich schlichtweg falsch, die Liberalisierungen der Wirtschaft im 19. Jahrhundert (z.B.
Bauernbefreiung) fuhrten zur deutlichen Verelendung des allergroten Teils der Bevolkerung
(Pauperismus). Hier wird also bereits mit falschen Postulaten eine Argumentation errichtet.
Die Phase der regulierteren Wirtschaftsentwicklung vor, zwischen und nach den Weltkriegen wird
schlichtweg ubergangen, und das obwohl dies die Zeit war, die tatsachlich zu einem
Breitenwohlstand gefuhrt hat. Darauf wird ein staatsregulierter Kapitalismus falschlicherweise und
wohl bewusst vermischt mit Zentralplanwirtschaft: Die nahe liegende Erklarung fur diesen Wandel
in der Politik ist der begrenzte Erfolg der der Zentralplanwirtschaft"5. Wo und wann, auerhalb der
direkten Kriegs- und Nachkriegszeiten (z.B. Kriegssozialismus" 1918 oder Nachkriegszeit 1945-
49) gab es eine Zentralplanwirtschaft im nicht-sowjetischen Europa? Hier soll dem geneigten
liberalen Leser das eine mit dem anderen bewiesen werden, obwohl beides nichts miteinander zu
tun hat.
Angesichts des fur ein liberales Werk hohen Alters (1962) erscheint es verzeihlich, dass Friedman
fur die Wirtschaftssteuerung nur zwei alternativen sieht - Zentrale Planwirtschaft und freie
Marktwirtschaft. Dabei wird allerdings auer Acht gelassen, dass aufgrund moderner
Kommunikationstechnologie es bereits moglich ware, einen Computer-Sozialismus" auch
dezentral und hochflexibel zu organisieren. Wer sich einmal mit modernen Borsensystemen
auseinandergesetzt hat, muss feststellen, dass die Wirtschaft zwar auf Angebot- und Nachfrage
basiert, jedoch nicht mehr wie auf dem genannten Marktplatz"6. Weiterhin vernachlassigt er - wohl
auch aufgrund des fur ein liberales Werk hohen Alters - die Dienstleistungsbranche, die nicht
vollstandig denselben Regeln folgt, wie die Sekundarwirtschaft. Auch eine gewaltige Branche, die
nur dem Zustandekommen von Wirtschaftshandlungen dient - angefangen bei Werbung, Juristen,
Logistik, Finanzwirtschaft etc. wird vollkommen ubergangen, da sie nicht ins Bild der freiwilligen
Kooperation"7 passt. Es handelt sich namlich eher um einen Zwang durch die unsichtbare Hand",
seine Waren, Dienstleistungen oder seine Arbeitskraft loszuwerden", auch wenn dafur eigentlich
kein Bedarf besteht. Hier spielt die Werbung die wichtigste Rolle, da sie in der Lage ist, Bedurfnisse
1 Friedman, M.: Kapitalismus und Freiheit, Munchen 2009, S. 31, Z. 26f
2 Friedman, S.31, Z. 32f
3 Friedman, S.33, Z. 22
4 Friedman, S.33, Z. 26
5 Friedman, S.34, Z. 22f
6 Friedman, S.36, Z.10
7 Friedman, S.36, Z.11

zu kreieren.
Auerst absurd ist die Passage, in der Friedman eine Urwirtschaft" darstellt, in der einige wenige
Haushalte sich frei zusammenschlieen, obwohl sie in der Lage waren, sich selbst zu versorgen.
Gekront wird dies durch die Zusammenfassung Die Kooperation wird also ohne jeden Zwang
erreicht"8. Subsistenzwirtschaft zu betreiben gestaltet sich jedoch fur die Mehrheit der Menschheit
auerst schwierig wie z.B. Bewohnern von Grostadten, unfruchtbaren Regionen etc. Als Beweis
fur die Freiheit der Wirtschaftsform Marktwirtschaft taugt dieses Beispiel offensichtlich nicht. Die
Verwendung diese Beispiels als Postulat, auf das tatsachlich die weitere Argumentation aufbaut
zeigt sich im ubernachsten Absatz: Wie in dem einfachen Modell bleibt auch in der komplexen
Unternehmens- und Geldwirtschaft die Kooperation vollkommen privat und freiwillig,
vorausgesetzt: a) die Unternehmen sind privat, sodass die letztlich vertragschlieenden Parteien
Individuen bleiben und b) die Individuen sind tatsachlich frei, einen bestimmten Austausch zu
betreiben oder nicht zu betreiben, sodass jeder Tauschvorgang strikt freiwillig bleibt"9.
Wirtschaftssubjekte sind jedoch auerst selten Individuen", sondern z.B. Aktiengesellschaften.
Und kein Arbeitnehmer auer einem tatsachlich freiwillig arbeitenden Rentier konnte den
Austausch nicht betreiben" wenn es um Arbeit oder Grundversorgung geht. Hier wird bereits
verkannt, dass sich in diesem sogenannten Austausch auf Augenhohe der Arbeitnehmer immer in
der schlechteren Position ist.
Einen besonderen Brechreiz lost die Passage der Angestellte ist vor Notigungen seitens des
Arbeitgebers dadurch geschutzt, dass er fur andere Arbeitgeber arbeiten kann, und so weiter"10 aus.
Die taglich stattfindenden Mobbing-Falle, sexuellen Belastigungen usw. finden in Friedmans Augen
wohl nur deshalb statt, weil der Staat seinen Burgern verbietet, die Arbeitsstelle zu wechseln?
Darauf folgt zunachst ein durchaus korrektes Lob der personlichen Freiheit und des
Minderheitenschutzes, dann jedoch wird in Verkennung Friedmans 1. Satzes (es wird allgemein
angenommen, dass Politik und Wirtschaft voneinander unabhangig sind und wenig Beziehungen
zueinander haben"11) der Markt als Gegenpol zur Politik und als Garant fur Checks and Balances"
gesehen. Argumentativ bereits so inkonsequent, dass es Wutanfalle provoziert.
Und krumm geht es weiter! Friedman schreibt, die Freiheit des Einzelnen sei Merkmal einer freien
Gesellschaft - richtig. Als Beispiel fur die Freiheit im Kapitalismus nennt er jedoch, dass in der
kapitalistischen Gesellschaft [...] jedermann ganz offen fur den Sozialismus eintreten"12 kann. Wie
konnte jedoch die Freiheit, den Kapitalismus zu predigen, jemals in einer sozialistischen
8 Friedman, S.36, Z.35f
9 Friedman, S.37, Z.15-20
10 Friedman, S.38, Z. 4f
11 Friedman, S.30, Z. 3f
12 Friedman, S.39, Z. 37f

Gesellschaft erreicht werden"13. Hier kommt schon wieder ein falscher Vergleich zum Tragen. In
manchen - heute den meisten kapitalistischen Gesellschaften ist dies moglich. Als Gegenbeispiel
konnte man nenne: Franco-Italien, Nazi-Deutschland, das zaristische Russland, Sudamerika in den
70er Jahren ( Salvador Allende) usw. Mit dergleichen Berechtigung konnte man sagen: im
Sozialismus ist das Wetter besser, weil in den USA schlechteres Wetter ist als in Kuba. Der Fakt,
dass es tatsachlich in den Sowjet-Sozialistischen Diktaturen nicht moglich war, den Kapitalismus zu
predigen, soll nicht angezweifelt werden. Friedmans Anliegen, zu beweisen, warum politische
Freiheit direkt von der wirtschaftlichen Freiheit abhangt, kann jedoch mit derlei Argumenten nicht
erreicht werden, insbesondere, da er den rein historischen Beweis ablehnt.
Doch dieses bereits sehr merkwurdige Argument wird noch weiter ausgefuhrt: So konne es bereits
keine liberale Opposition im Sozialismus geben, da man ja Staatsangestellte ist und sich sonst
gegen seinen Arbeitgeber stellen musste. Ferner konne man sich so ja niemals eine wirkungsvolle
Wahlwerbung leisten. Hier wird in albernster Form verkannt, dass die fruhen Arbeiterparteien wie
die SPD, die offen fur den Sozialismus kampften auch von Arbeitern gegrundet und getragen
wurden, die nicht beim Sozialismus" sondern bei kapitalistischen Unternehmern angestellt waren.
Ist das eine Selbstverleugnung"? Auch waren die Arbeiter im 19.Jahrhundert keine Groverdiener
und dennoch ist es ihnen gelungen, die wirkungsvollste politische Bewegung der letzten 200 Jahre
ins Leben zu rufen. Wiederholungen dieser Geschichtsfalschungen und -verdrehungen ergieen sich
auf die nachsten folgenden Seiten. Vielleicht liegt das daran, dass sich Milton Friedman kein
anderes politisches System als das uberfinanzierte Prasidialwahlkampfssystem der USA vorstellen
kann und zum Zeitpunkt seines Machwerks noch nicht gesehen hat, dass es durchaus moglich ist
eine anti-sozialistische Opposition aufzustellen. Diese letzten Seiten des 1. Kapitels lesen sich wie
alle Prophezeiungen, die nicht eingetreten sind: Sie wurden von der Geschichte hinweggefegt.
13 Friedman, S.40, Z. 3-5

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