"Die Diktatur der Angepassten ist eine morderische
Gewaltherrschaft und ungefahr so angreifbar wie ein
auerirdischer Wackelpudding."
r o b e r t s c h e e l
i m e l f e n b e i n t u r m
Als ich vor kurzem Umberto Ecos
Geschichte der Schonheit durchblatterte,
blieb mein Blick auf Jean Delvilles Platoni-
scher Akademie haften. Ein schoner Mann
in blutenweier Stola, umringt von nack-
ten, bekranzten Junglingen mit rasierten
Geschlechtsteilen in homoerotischen
Posen. Das Negativ des schwulen Mach-
werks ware vermutlich eine Ansam-
mlung zahnloser, dickleibiger Weiber
mit Bauchspeck und Zellulitis, die sich
in einer dunklen Ecke zwischen den
Abfallbehaltern eines Supermarkthinter-
ausgangs um ein Feuer tummelt und sich
lustern die Klitoris reibt. Fast hatte mich
Jean Delvilles Bild dazu provoziert, in die
Toilettenschussel zu greifen, um es mit
Exkrementen zu beschmieren. Ebenso
reizt es mich, in Hundekot zu treten und
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ihn unauffallig auf den marmornen Trep-
pen, in den atherischen, weigekalkten
Fluren und Horsalen der Kunstakademie
zu verteilen. Dabei sehe ich mich selbst
keineswegs als Terrorist und empfinde
auch keine personliche Befriedigung
dabei, die Professoren einer verlogenen
Superasthetik mit ihren Apple- Macin-
tosh-Laptops auf den braunen Schlieren
ausrutschen zu sehen. Eher schon geht
es mir darum, dem Spaltungsprozess
einer Gesellschaft in zwei Klassen,
die der Edlen, Elitaren und Schonen und
die der Gemeinen, Armen und Hassli-
chen, mit meinem stillen Hundekotprotest
Einhalt zu gebieten.
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D i e s t r a s s e v s . D i e a k a D e m i e
Sogleich begann ich uber eine
Revolution nachzudenken, bei der die im
Gegensatz zueinander stehenden Spharen
vertauscht werden wurden. Der sich
derzeit etablierende Status einer Kunst-
akademie als Ausbildungsstatte einer
zukunftigen
Kulturelite
wurde
ab-
geschafft, der Direktor verjagt, die
Professoren abgesetzt und in einem
Tribunal den Anforderungen einer Auf-
nahmeprufung nach dem derzeitigen
Standard unterworfen, um anschlieend
durch einen Fenstersturz das Gebaude
fur immer zu verlassen. Die Flugelturen
des Hauptgebaudes weit geoffnet werden,
um die Gossenparade der Strae mit
ihrem ungefilterten Elend einzuladen.
Die Cowboys und Alkis, die Drogensuchti-
gen und Schwerstkriminellen, der ganze
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Abschaum
der
Industriegesellschaft
wurde die Ateliers ersturmen, und das
kulturelle Niveau wurde kippen wie der
schiefe Turm von Pisa, um blubbernd im
Zauberland der Sumpfkonigin zu ver-
sinken. Im Flackerlicht halb ausgedrehter
Gluhbirnen, im Marihuanadunst, zwi-
schen herumstreunenden, verwahrlosten
Hunden wurden Bildwerke entstehen, bei
denen der Pinsel, muhsam vom zittrigen
Flattermann gefuhrt, eine schonungslose
Ehrlichkeit auf den Bildtrager schmierte.
Das stolze Akademiegebaude wurde sich
in ein monstroses Ungetum verwandeln,
dessen rot geaderte Glotzaugen durch
zerbrochene Fensterscheiben in eine
gebugelte und glatte Auenwelt starren.
Auf der Strae aber wurden sich
die
Piefkes
und
gutmenschlichen
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Schongeister der Kunstschickeria treffen,
durch Parks und Schlossgarten fla-
nieren, auf automatisierten Burgersteigen
dahingleiten, ein minderjahriges Madchen
oder einen Lustknaben an einer Leine
mit sich fuhrend. Man isst, trinkt und
trifft sich in samtenen Salons, in denen
Kellner im festlichen Livree die gerade
produzierte Trash-Kunst servieren. Man
halt die gepuderte und vergoldete Nasen-
spitze uber die Auswurfe der Elendsaka-
demie und fachsimpelt in verbrauchten
Worthulsen uber deren Authentizitat.
Trotz des grotesken Erscheinungsbildes
der postrevolutionaren Gesellschafts-
ordnung kamen beide Seiten auf ihre
Kosten. Die neue Kunstleravantgarde des
Elend-Trashs konnte sich durch die Finan-
zierung ihrer Kunst Drogen leisten, um
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