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Marat Kusnezow - Das ist auch unsere Geschichte

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Marat Kusnezow - Das ist auch unsere Geschichte
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Marat Kusnezow


Das ist auch unsere Geschichte.


National-Sozialismus aus der Sicht eines minderjährigen Häftlings.




Eine Beichte über das Erlebte.
Das Ministerium für Bildung der Republik Weißrussland.

Bildungseinrichtung
"Staatliche A.A. Kuleschow-Universität Stadt Mogiljow."



Das ist auch unsere Geschichte.
National-Sozialismus
aus der Sicht eines
minderjährigen Häftlings.


Eine Beichte über das Erlebte.






Mogiljow 2004

UDK 947.084.8
BBK 63.3(2)622.8
K89





R e z e n s i e r t v o n :

Doktor der historischen Wissenschaften, Professor der Staatlichen Universität
Weißrussland W. K. Korschuk;

Kandidat der historischen Wissenschaften, Professor der Staatlichen
A. A.Kuleschow-Universität, Stadt Mogiljow G.I.Woltschok



Dieses Buch wird nach dem Beschluss des Verlags- und Expertenrates der Staatlichen A. A.
Kuleschow-Universität, Stadt Mogiljow veröffentlicht


Kusnezow M.
Das ist auch unsere Geschichte. Der National-Sozialismus aus der Sicht eines
minderjährigen Häftlings. Eine Beichte über das Erlebte. - Mogiljow: die Staatliche A.A.
Kuleschow-Universität, 2004 – 386 Seiten.

ISBN 986-480-068-7

Erinnerungen eines minderjährigen Häftlings der Nazisklaverei sind in diesem Buch als
noch nicht ausreichend erläutertes Fragment des Großen Vaterländischen Krieges dargestellt.
Alle Ereignisse werden aus der Sicht der persönlichen Wahrnehmung und der Erlebnisse
eines Jungen mit nachfolgender Erfassung im Aspekt der erworbenen Erfahrungen eines
Arztes für Psychiatrie dargestellt, einschließlich der gesellschaftlichen Beurteilung der
erlebten Ereignisse.
Dieses Buch ist für einen umfangreichen Kreis von Historikern, Pädagogen, Psychologen
gedacht.



UDK 947.084.8
BBK 63.3(2)622.8



M. Kusnezow, 2004
ISBN 986-480-068-7 Staatliche A.A. Kuleschow-Universität, Stadt Mogiljow, 2004

Seite 3


Es sei zu betonen, dass die Wahrheit über die Ereignisse des Großen Vaterländischen Krieges
in der sowjetischen Geschichte und Literatur im bekannten Umfang durch den Schwung des
Hurra-Patriotismus und die Unlust über die politischen Fehlschläge zu reden, die zum
unermesslichen Leid und Opfer der Völker geführt haben, vertuscht wird. Man brauchte
Jahrzehnte, damit die harte Wahrheit, besser gesagt, die Halbwahrheit, über verschiedene
Aspekte der sowjetischen Periode, die selbst zum Krieg und zu ungerechtfertigten Verlusten,
sowie unter der friedlichen Bevölkerung, als auch in den Reihen der kämpfenden Soldaten
führten, auf die Seiten der Presse ans Licht kam. Die Aufgabe und der Sinn der Geschichte
bestehen darin, das Geschehene wahrheitsgetreu, durch eine ganze Kette der Ereignisse,
darzustellen und in diesem Ganzen etwas Lehrreiches für die kommenden Generationen zu
sehen. Und oft gelingt das besser nicht bei den professionellen Historikern, denen nur
Dokumenten zur Verfügung stehen, sondern bei denen Teilnehmern und Augenzeugen der
Ereignisse, die unmittelbar diese Ereignisse erlebt und durchgemacht haben. Und genau darin
liegt die positive Seite der Memoirenliteratur. Und der Wert der Erinnerungen von M.T.
Kusnezow, die er dem Leser zur Verfügung stellt, besteht nicht nur in der Widerspiegelung
der Winkeln der Geschichte, über die zu reden früher nicht gestattet war, sondern auch darin,
dass das Leid der minderjährigen Häftlinge des National-Sozialismus aus dem Standpunkt des
professionellen Erfassens eines Arztes für Psychiatrie dargestellt wird ( die handelnde
Hauptperson dieser Erinnerungen wurde in der Nachkriegszeit Arzt für Psychiatrie). Damit
beleuchtete M.T. Kusnezow erstmalig in der speziellen Literatur eine der tragischen Folgen
des zweiten Weltkrieges - das, was der National-Sozialismus mit der Psyche der
minderjährigen Häftlinge gemacht hat. Grundsätzlich bestehen darin auch die
Prioritätserrungenschaften der einheimischen Medizinwissenschaft, die uns die Möglichkeit
gibt, dieses ausschlaggebende Fragment unserer Geschichte in Form einer lebendigen
Darstellung davon, was der friedlichen Bevölkerung ein Krieg bringt, der die junge
Generation nicht nur physisch, sondern auch psychisch entstellt. Die frühere Tragödie der
Kindheit setzt sich leider auch jetzt noch in den sogenannten "Brennpunkten" fort. Wie man
sieht, hat die Menschheit die Lektionen der Geschichte noch nicht im ausreichenden Umfang
verarbeitet. Aus dieser Sicht kann man die Erinnerungen von M.T. Kusnezow ( das Buch
"Das ist auch unsere Geschichte") zweifellos als großer Beitrag in die militär-patriotische
Erziehung und humanitäre Ausbildung der Jugend betrachten. Für die Völker unseres Staates
können sie auch als eine Quelle auf der Suche nach einer nationalen Idee.
Die tiefe Psychologie und die künstlerischen Werte dieses Buches sind auch besonders zu
betonen. Einen großen Eindruck auf den Leser machen die Beschreibungen des hungrigen
und armseligen Daseins der Kinder in der Nazigefangenschaft. In diesen Beschreibungen
werden gleichzeitig, von einem und denselben Menschen, nicht nur die Aufmerksamkeit eines
Jungen, sondern auch der professionelle Scharfblick eines Arztes für Psychiatrie, der alle
möglichen Schattierungen der Kinderpsychologie in bezug auf das, was in der realen
Wirklichkeit nicht sein darf, enthüllt. Das ist das, was sich auf verhängnisvolle Weise auf die
psychische Gesundheit und Entwicklung des Kindes in Form einer neurotischen und
patocharakterologischen Entwicklung widerspiegelt. Diese Form von Entwicklung belastete
und manchmal auch deformierte den lebenslangen Stereotyp der Persönlichkeit eines
Häftlings.



Seite 4


Und zur gleichen Zeit werden in diesem Hintergrund Szenen und Lebenssituationen,
welche die Formierung der moralischen Einstellung der Persönlichkeit widerspiegeln,
dargestellt.
In den Zeichnungen von Holzfällern, die sehr geschickt auch an einer Töpfermaschine
arbeiten, einem Bootsmann an einer Überfahrt, einem Hirt und Pferdetreiber ( in seinen
"Reiterkunststücken"), einem Tischler, von Zimmermännern ( beim Zusammenbauen und
Aufstellen von finnischen Häusern) und so weiter. Die Reminiszenz des Autors aus seiner
Kindheit und deren Übertragung und Begreifen im reifen Alter sind als Faktoren dargestellt,
die eine Persönlichkeit formen. Unter diesen Faktoren sind nicht nur positive, sondern auch
dramatische Ereignisse - Erlebnisse von psychischen Schmerzen und seelischen Leiden, die
als Meilensteine in der Schaffung einer Persönlichkeit dienen - Bosheit, die "den Weg zum
Guten baut". Das betont der Autor und wendet sich an die Bibel. Im Großem und Ganzem
wird der Leser vom Autorenpathos des Humanismus und Optimismus, dem Glauben an den
Sieg der menschlichen Würde unter den Bedingungen, als die Persönlichkeit in erstickende
Verhältnisse und in den Triumph der zerstörenden Kräfte geriet, beeindruckt.
Es kann auch die Eigenartigkeit der literarisch-künstlerischen Bearbeitung der
Erinnerungen hervorgehoben werden. Insbesondere, als der Autor das Leben der Kinder
beschreibt, die gezwungen sind unter Bedingungen, die den Gesetzen der Naturbestimmung
und der Anpassung in der sozialen Umwelt nicht entsprechen, zu leben. In diesem
Zusammenhang zeigte der Autor die Härte des menschlichen Geistes, die Fähigkeit allerlei
Schwierigkeiten zu widerstehen, das genetisch geschaffte Streben zum Schönen, das
umwandelbar die Bosheit verdrängt, sorgfältig zu hüten. Darin ist die Entwicklung der Idee
des großen Kenners der menschlichen Seele F.M. Dostojewski zu erkennen. Der hat gezeigt,
dass Menschen überall Menschen sind" und dass "der Mensch ein Wesen ist, das sich an alles
gewöhnt". Alle leben nach allgemeinen menschlichen Gesetzen, auch wenn die Menschen,
den Lebensumständen entsprechend, in die Bedingungen der Erniedrigung und Beleidigung
ihrer menschlichen Würde kommen. Gerade darin, und nicht in der Widerspiegelung der
leidenden Kinderseele, wie es auf den ersten Blick scheint, liegt der epische Schwung der
Erinnerungen an unsere tragische und wenig beleuchtete Geschichte, die von M. T. Kusnezow
als Geschichte, die von der Zeit durchsiebt wurde, dargestellt ist. Das ist auch eine
Bestätigung dafür, dass " man das Große aus der Entfernung sieht". In diesem Fall erinnert
der Autor den Leser an die Worte des großen Dichters Sergej Jesenin. Wird die Geschichte
nicht deswegen so oft überschrieben?
In der Wirklichkeit wird die Geschichte nicht so mehr überschrieben, als genauer
formuliert, damit die heutige Generation der Menschen sie besser versteht und wahrnimmt.
Wenn man von der Vorstellung des englischen Schriftstellers, Historikers und Philosophen
Thomas Karleil ausgeht, ist " die Geschichte eine Destillation des Gehörs, auch des Gehörs
des Zuhörers, das heißt auch, das Verstehen der historischen Tatsachen. Lassen wir die
Gerechtigkeit dem Autor widerfahren und, ihm folgend, horchen wir noch einmal, was uns
diese " das ist auch unsere Geschichte" erzählt.



Doktor der Geschichte, Professor des Lehrstuhls für
Neue Geschichte und der Geschichte der Neuzeit,
Staatliche Universität Weißrussland

W. K. Korschuk


Seite 5



Den minderjährigen Häftlingen des Nazismus
am 60. Jahrestag des Sieges über das faschistische
Deutschland gewidmet…


Um eine Welt zu schaffen, in der du leben möchtest, musst du eine andere Welt
erkennen, in der du gelebt und die du durch deren Gefühlserkenntnis abgelehnt hast.
Das ist ein Buch über Kindheit für Erwachsene. Aber es kann auch sein, dass es auch
für junge Leute, die ihr selbständiges Leben beginnen, nützlich ist. Das Buch erzählt
nicht nur über das Leid in den schweren Kriegsjahren, sondern auch über das
Eindringen ins Wesen der Erscheinungen, das für Kinder, die das erkennen, was die
Erwachsenen, die das nicht erlebt haben, nicht erzählen können, typisch ist.
Selbstverständlich erzählt das Buch auch über das, was der National-Sozialismus mit
diesen Kindern machte und gemacht hat.


Je umfangreicher wir das Vergangene begreifen, desto besser erfassen wir
die Gegenwart; je tiefer wir in den Sinn
der Vergangenheit herunterkommen, desto besser enthüllen wir den Sinn der Zukunft;
zurückschauend, gehen wir vorwärts.

A. Herzen



Die Vergangenheit existiert; und alles, was
existiert ist Vergangenheit… Jede Erscheinung
muss man zusammen mit ihrer Vergangenheit,
mit der Perspektive auf ihre Zukunft wahrnehmen

L. Gumiljow








V O R W O R T
Wie und wozu ist dieses Buch geschrieben

Es ist vor allem eine Beichte, die einem Roman ähnlich ist, oder Memoiren eines Jungen,
der später Arzt für Psychiatrie wurde. Zusammen mit der Widerspiegelung der echten
Ereignisse, die in den Kriegsjahren stattgefunden haben, werden auch Versuche
unternommen, sie zu begreifen, zu verstehen, welchen Einfluss sie auf die Formierung der
Psyche eines Kindes hatten. Teilweise ist es mir schon gelungen, dem Leser etwas über den

Seite 6

meist dramatischen Abschnitt meines Lebens der damaligen Zeit in der Zeitschrift "Neman"
(N 2, 2001) beizubringen. Im Artikel "Ein kleiner Ostarbeiter" wurden meine Erinnerungen,
deutlich gekürzt, veröffentlicht. Die Reaktion der Leser, die mich erreicht hat, wurde zu
einem bewegenden Anreiz dafür, einen vollwertigen Roman zu schreiben, aus dem der Leser
sehen kann, dass der Mensch nicht immer Schöpfer seines Schicksals ist. Er kann nur ein
Opfer der Umstände sein. In der Bibel von Ieremij ist geschrieben: " Ich weiß, Gott, dass der
Lebensweg des Menschen ihm nicht frei steht, er kann nicht selbst bestimmen, in welcher
Richtung er geht". Ja, es gibt Umstände, die unabhängig von uns und stärker sind als wir, aber
das Leben gibt uns eine gewisse Wahl, bei der man jeder sich eine mehr würdige Nische,
Lage einnehmen kann. Das Leben zeigt, wer ist wer. Aber trotzdem gibt es Ereignisse, die
grundsätzlich eine Persönlichkeit zerbrechen oder schon von Anfang an deformieren oder
entstellen sie.
Wie das in der Kindheit geschieht, ist schon im Allgemeinen bekannt. Aber die
Pathopsychologie der minderjährigen Häftlinge ist noch wenig erforscht und in der
Literatur speziell nicht beschrieben.
Es ist klar, dass ich in diesem Sinn als Arzt für
Psychiatrie nicht vermeiden konnte zu zeigen, wie und warum die pathopsychologische
Entwicklung der minderjährigen Häftlinge der nazistischen Verfolgungen während des
Großen Vaterländischen Krieges geschehen ist.

Wie es jetzt, nach mehr als 60 Jahren, ersichtlich ist, will ich über meine, in den
Winkeln unserer tragischen Geschichte, erlebten Jahren nicht nur erzählen, sondern
auch sie, und das ist höchstwahrscheinlich, noch einmal tief empfinden und begreifen.
Die Mehrheit der Menschen, die ihr ehrwürdiges Alter, das den Austritt auf das
Zielband ihres eigenes Lebens bedeutet, als die Gefühlserinnerungen schärfer werden
und die Erinnerungen an die Ereignisse nachlassen, erreicht hat, empfindet ein
besonderes Bedürfnis, das Erlebte den anderen anzuvertrauen. Einschließlich auch sich
selbst, die auf irgendwelche Weise durch das Leben klug geworden sind.
Erst jetzt, wie es mir scheint, kommt dank der persönlichen Erfahrung das
Verständnis, dass die Bedeutung des intellektuellen Begreifens und der
Sinneswahrnehmung in ihrem Verhältnis, ungeachtet darauf, dass die Wissenschaftler
den Menschen "homo sapiens" genannt haben, sind die Gefühle für ihn doch wichtiger,
als der Verstand. Wenn man über Ereignisse erzählt, ist es wichtig, dass man sich an
den Stil des psychologischen Realismus hält, und das bedeutet nicht so sehr das, was du
erzählst, als das, wie du es durch die Welt der Gefühlserlebnisse wahrnimmst. Die
Wahrheit über einen Menschen zu erzählen, die möglichst nah an der Realität liegt,
können weder professionelle Historiker, noch umso mehr Politiker.


Seite 7


Deswegen versucht jede neue Generation die Geschichte auf ihre Art und Weise zu
überschreiben. Deshalb erklären viele, ernsthaft oder aus Scherz, die Geschichte als eine
unvorhersagbare Wissenschaft. In diesem Zusammenhang erlaube ich es mir, einige
lehrreiche Aussagen zu zitieren.
Der englische Politiker des XVII. Jahrhunderts R. Yolpol sagte:" Die ganze Geschichte ist
eine Lüge." Etwas später versuchte der deutsche Philosoph und Politiker W. Humbold diese
Einschätzung zu enthärten:" …die Geschichte strebt danach das Bild des menschlichen
Schicksals wahrheitsgetreu, vollständig und klar hervorzubringen."
Der Schriftsteller G. Uels versuchte das Problem genauer zu bestimmen:" Die Geschichte
der Menschheit ist im Grunde genommen eine Geschichte der Ideen." Der andere
Schriftsteller und Staatsmann E. Kasteljar fügt hinzu und erklärt:" Wenn wir die Geschichte
durchdenken, wundern wir uns unwillkürlich, wie wenige Ideen neben reichen Vielfältigkeit
der Tatsachen existieren. Daraus folgt, dass die Erforschung der Vergangenheit nur dann
sinnvoll ist, wenn man die Ereignisse zusammen mit ihren begleitenden Ideen betrachtet.
Daraus sind auch folgende Belehrungen des Historikers verständlich:" Man muss die
Vergangenheit nicht deswegen kennen, weil sie vorbei ist, sondern deswegen, weil sie nicht
im Stande war, ihre Folgen zu beseitigen" ( W. Kljutschewski ). Davor warnt auch der
Philosoph D. Santajan:" Derjenige, der sich an seine Vergangenheit nicht erinnert, ist dazu
verurteilt, das Vergangene noch einmal zu erleben:" Und dann begreift man den Sinn der
Geschichte in der belehrenden Aussage eines Staatsmannes:" Der beste Prophet für die
Zukunft ist die Vergangenheit." ( D. Schermann ). Und zwischen diesem allen ist auch der
bittere und zugleich der lehrreiche Sinn des Erlebten ( was uns die Kriegsjahre bringen ):
"Alles Gute kommt vom Bösen" (F. Nizsche; das steht auch in der Bibel). Und danach:" Du
musst Gutes aus Bösem machen, weil Gutes aus nichts mehr getan sein kann" (R. Uorren).
Wenn man über Krieg spricht, muss man unbedingt betonen, dass er nicht nur von
tragischen Folgen, die von der Statistik gern gebraucht werden, begleitet wird. Es gibt auch
vieles davon, was in den Seelen der Menschen und besonders den Kindern bleibt. Das, was
den folgenden Lauf der Geschichte der Völker, die den Krieg durchgemacht haben, eigenartig
beeinflusst. Über dieses Persönliche kann man niemandem erzählen, außer denen, die den
Schicksalsschlag des Krieges erlebt und die Schule der Erziehung auf dem tragischen
Lebensweg beendet haben.
Bevor ich mich ans persönlich Überlebte wende, möchte ich noch eine wenig bedeutende
Bemerkung machen. Ich werde nicht gezwungen sein, mein nachlassendes Gedächtnis durch
die beschreibenden Ereignisse enorm anzustrengen, weil das eine Führung durch das Leben
des eigenen Schicksals ist. Aus der Gefangenschaft des nazistischen Deutschlands kehrte ich
im September 1945 zum (relativ


Seite 8


normalen) Nachkriegsleben zurück. Als ich mich ein wenig einlebte und mich von den
Schrecken des Krieges und des Erlebten erholte begann ich als ein 15-jähriger Bursche und
Schüler der 4. Klasse die Fragmente aus meiner Kriegsjahrenepopöe zu beschreiben. Damals
bewahrte mein Gedächtnis das vor kurzem Überlebte noch ganz zäh. In dieser Zeit las ich
viel, träumte davon, dass ich später selber Schriftsteller werde. Gerade damals notierte ich
viele meiner Erinnerungen. Aber später, als ich schon erwachsen war, und das alles
durchgelesen habe, kam ich zur Überzeugung, dass die in Form fotographischer Skizze
gemachte Darstellung die Gefühlseinstellung zu erlebten Ereignissen sehr farblos
widerspiegelt. Ich begriff auch, dass die Ereignisse in den Kriegsjahren ohne vernünftige
Analyse für den Leser nicht so interessant sein werden. Letztendlich wurde ich von meiner
schriftstellerischen Begabung enttäuscht, von anderen Interessen und Leidenschaften gepackt,
legte ich meinen Stift zur Seite, die Manuskripten bewahrte ich aber auf. S. Jesenin hatte
tausend Mal recht, als er schrieb: "Wenn man Gesicht an Gesicht steht, sieht man das Gesicht
nicht. Das Große sieht man aus Entfernung." Und nun nach vielen Jahren wurde ich wieder
begeistert. Mehr als das, ich war sicher, dass das keinesfalls das Wesen des Geschehens
verfälscht, wenn ich auch etwas vergessen habe und einige Ereignisse nicht genau genug
beschreibe. Dem Gesetz der Rückentwicklung des Gedächtnisses entsprechend, bleibt meine
persönliche Gefühlswahrnehmung der erlebten Tatsachen immer noch unvergesslich. Und
wenn irgendwelche Ereignisse von mir verfälscht dargestellt wurden, entspricht ihre
emotionelle Gefühlswiderspiegelung trotzdem dem Wesen des beschreibenden Ereignisses.
Es sei denn, dass ich einige Namen der tatsächlichen Personen vergessen habe, aber das nicht
absichtlich.
Es ist selbstverständlich, das man zuerst das frühere Leben des Jungen, der in die
Schrecken des Krieges, der nicht nur Zehnte von Millionen Menschenleben vernichtet,
sondern auch bedeutende Spuren in den Seelen und Schicksalen der Menschen, die diesen
Krieg überlebt haben, hinterlassen hat, geraten ist.

Seite 9


E I N L E I T U N G

Eine der effektivsten Methoden der ideologischen Bearbeitung des Kinderbewusstseins in
der UdSSR war die These, die der Axiom gleichgestellt wurde: "Die glücklichsten Kinder in
der Welt sind diejenige, die das Glück haben, im Land, das im Stoßtempo zum
Kommunismus schreitet geboren zu sein und leben zu können:" Mit der Zeit wurde die Idee
des Aufbaus des Kommunismus in der nahen Zukunft von der Bevölkerung der UdSSR mehr
und mehr bezweifelt - praktisch niemand hatte die Hoffnung, den Kommunismus zu erleben
und in dieser Zeit zu leben - aber der Glaube an die glücklichste Kindheit wurde noch viele
Jahre, mindestens in den Reihen der neuen sowjetischen Intelligenz, erhalten. Bei einigen
wurden die Illusionen in Bezug darauf erst während des Chruschtschow-Tauwetters und der
Gorbatschow - Perestrojka und Öffentlichkeit, als die Information über Repressalien des
Stalinismus und den Lebensstandard im Westen mit der Vergleichsmöglichkeit ( wie es bei
uns und bei ihnen ist) immer mehr zugänglich wurde, zerstreut. Mehr als das, es verschärfte
sich die Frage, die früher und jetzt viele Menschen bewegt: warum leben die Sieger im
Großen Vaterländischen Krieg ärmer als die Besiegten?
Aber zugleich darf man nicht bestätigen dass die Kindheit bei den sowjetischen Kindern
armselig und das Glück nicht echt war. Da das Gefühl des persönlichen Glücks subjektiv ist,
und wenn du nicht hungerst, von deinen Eltern geliebt bist, dich auf das Leben freust, wenn
dir noch gesagt und in den Liedern gesungen wird, das du im glücklichsten Land der Welt
lebst, warum denn sich nicht für den glücklichsten Menschen halten.
Aber ich erinnere mich an den meist aufgeregten Zeitabschnitt im Leben meiner kleinen
Familie, an das, durch Repressivmaßnahmen bekannte, Jahr 1937. Kleine Kinder (ich war
damals 5 Jahre alt) nehmen die Aufregung ihrer Eltern besonders scharf wahr. Und meine
Eltern hatten in diesem Jahr stets Angst, verhaftet zu sein. Entweder ahnte ich das, oder
belauschte ihre leise Gespräche über die Verhaftung ihrer Freunde oder Bekannten, aber ich
hatte auch schon Angst davor. Aber als ich mir vorstellte, dass ich ohne Eltern bleiben konnte,
schien mir ihre Besorgnis völlig absurd. Ich wusste Bescheid, dass meine Mutter und Vater
die treuesten Patrioten ihrer Heimat, die besten unter allen anderen Menschen sind - wofür
konnte man sie verhaften? Am ausdruckvollsten klang das in den Gedichten, die von meiner
Mutter zu meinem Geburtstag erfunden und damals mehrmals mit entsprechender
Satzmelodie vorgelesen wurden:




Seite 10


Freue dich auf deinen fünften Geburtstag,
Als das Land sich auf die Gleise des neuen Lebens gestellt hat.
Ich hab` dir damals den Namen Marat gegeben,
Mein kleines, süßes Kind!

Mit dem Gefühl der glücklichen Mutterschaft wird hier gleichzeitig auch der Heroismus
von damals besungen. Der Name "Marat" wurde mir zu Ehren von bekannten französischen
Revolutionären - Jakobiner gegeben. Und jede Revolution wurde damals als ein Wohl für
unterdrückte und unglückliche Menschen empfunden. So war die unstreitbare ideologische
These in der UdSSR. Aber viel beeindruckender klangen die letzten Strophen des Gedichtes
einer glücklichen Mutter:

Das erste Wort, das ich dir beigebracht habe,
War das Wort "Lenin", der Weltriese!

Diese Gedichte kamen vom ganzen Herzen (keiner rechnete damit, dass sie veröffentlicht
werden), und es gibt keinerlei Gründe, an ihrer Aufrichtigkeit zu zweifeln. Und diese
Strophen waren in meinem Gedächtnis nicht vom Blatt, sondern von den Lippen meiner
Mutter haften, früher, als andere Gedichte, die ich in den Büchern gelesen habe.
Meine Mutter wurde 1911 in der Westukraine (Kowelski Rayon) in der armen Familie
eines Kleinbürgers geboren. Während des Ersten Weltkrieges übersiedelte meine Familie als
Flüchtlinge nach Weißrussland. Hier, auf der Station Krupki Rayon Borisowski, bekam die
Familie kurz nach der Oktoberrevolution die Haushälfte eines ehemaligen reichen Mannes als
Eigentum zur Verfügung In ihren Schuljahren war meine Mutter eine begeisterter Pionier und
später ein aktiver Komsomolze. In Minsk beendete sie eine juristische Schule, tritt der Partei
bei, arbeitete als Staatsanwalthelfer im Rayon Kaganowitscheski der Stadt Minsk. In den
neun Vorkriegsjahren schaffte sie es, zwei Jahre als Volksrichter in der Stadt Lepele zu
arbeiten, nahm am Allunionsschwerpunktbau des Industrieriesen in der Uralstadt
Magnitogorsk teil. Kurz vor dem Krieg wurde sie in die Stadt Belostok geschickt, um dort bei
der Stärkung der neuen (sowjetischen) Macht unter den Bürgern, die früher unter der
polnischen Gerichtsbarkeit waren zu helfen. In der Zeit, als die Mutter aktiv am Aufbau des
Sozialismus arbeitete, verbrachte ihr kleiner Sohn viel Zeit bei seiner Oma in Krupki. Das
Dorf zählte etwa 300-400 Einwohner.
Ein ähnliches Schicksal hatte auch mein Vater, der aus einer armen Bauernfamilie aus dem
kleinen Dorf Blashkino Rayon Rudnjanski Gebiet Smolensk stammte. Er wurde 1903
geboren, beendete eine Kirchgemeindeschule und war ein aktiver Komsomolze in den Jahren
der Einführung der sowjetischen Macht. Zusammen mit seiner Dorfkomsomolzenzelle

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