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Tafsir und Übersetzung der Ayah (4:34)

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Tafsir und Übersetzung der Ayah (4:34)
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Content Preview

ا
ا

Mit dem Namen ALLAHs, Des Gnadenden, Des Allgnädigen


Tafsir und Übersetzung der Ayah (4:34)

Amir M.A. Zaidan


ٌت َظِ َ ٌت َ ِ َ ُت َ ِ
َ ْمِ ِ ا َوْ َأ ْنِ اوُ َ ْ َأ َ ِ َو ٍض ْ َ َ َ ْمُ َ ْ َ ُ َل َ َ ِ ِء َ ا َ َ َنوُ اوَ ُل َ ر ا
اوُ ْ َ َ َ ْمُ َ ْ َطَأ ْن
ُ
ھوُ
ِ َ ن
ِر ْ ا َو ِ ِ َ َ ْ ا ِ نُھوُرُ ْھا َو نُھوُظِ َ نُھ َزوُ ُ َنوُ َ َ ِ ا َو ُ َظِ َ َ ِ ِبْ َ ْ ِ
(4:34) ا ًر

ًّ
ِ َ ِ َ َن َ َ نِإ ً ِ َ نِ ْ َ َ
ar-ridschalu qau-wamuna ‘ala n-nisa-i bima fad-dala l-lahu ba’dahum ’ala ba’din wa bima
anfaqu min am-walihim, fas-sali-hatu qani-tatun hafi-zatun lil-ghaibi bima hafiza l-lahu, wal-
laati tacha-funa nuschu-za-hun-na fa-‘izu-hun-na wah-dschuru-hun-na fil mada-dschi’i wad-
rubuhun-na, fa-in ata’-nakum fala tab-ghu ‘alai-hin-na sabilan. in-na l-laha kana ‘ali-yan
kabiran.

Die Ehemänner tragen Verantwortung den Ehefrauen gegenüber wegen dem, womit
ALLAH die einen den anderen gegenüber mehr Eignung gab, und wegen dem, was sie von
ihrem Vermögen ausgegeben haben. Die gottgefällig gut tuenden Frauen sind (ALLAH
gegenüber) ergeben und bewahren das vom Verborgenen (zwischen ihnen und ihren
Ehemännern), was ALLAH zu bewahren auferlegt hat. Und diejenigen Ehefrauen, deren
mutwillige Verweigerung ihr fürchtet, sollt ihr (zunächst) ermahnen, dann sie in den
Ehebetten meiden und (zuletzt) euch von ihnen (für eine Weile) trennen! Und sollten sie
wieder auf euch hören, dann unternehmt nichts mehr gegen sie! Gewiss, ALLAH bleibt
immer allhöchst, allgrößt.


Begründung der Erläuterung und der deutschen Übertragung der Ayah

ْمِ ِ ا َوْ َأ ْنِ اوُ َ ْ َأ َ ِ َو ٍض ْ َ َ َ ْمُ َ ْ َ ُ َل َ َ ِ ِء َ ا َ َ َنوُ اوَ ُل َ ر ا
ar-ridschalu qau-wamuna ‘ala n-nisa-i bima fad-dala l-lahu ba’dahum ’ala ba’din wa bima
anfaqu min am-walihim,

Die Ehemänner tragen Verantwortung den Ehefrauen gegenüber wegen dem, womit ALLAH
die einen den anderen gegenüber mehr Eignung gab, und wegen dem, was sie von ihrem
Vermögen ausgegeben haben.

Erläuterung

· Hinabsendungsanlass (sababu n-nuzul):
Der Hinabsendungsanlass war eine Antwort auf eine Frage der Ehefrau des Gesandten Ummu-
salama (radial-lahu 'anha), sie fragte: „Die Männer werden zum Kampf aufgefordert und wir nicht,
und wir erben nur die Hälfte?“.
· qau-wamuna: Plural von qau-wamun, was „der Verantwortliche“ bedeutet.
· „fad-dala l-lahu“: heißt ALLAH (ta'ala) hat fadl gegeben, d. h. „mehr von etwas“ gegeben. In
diesem Zusammenhang ist dieses „Etwas“ „die Eignung für die Verantwortung“. Die Ayah hat
damit folgenden Inhalt: Männer und Frauen haben Eignung für die Verantwortung, jedoch haben
die Männer im Allgemeinen die bessere Eignung dafür.

1

· In Bezug auf die hier angesprochene Verantwortung der Männer gibt es verschiedene mögliche
Interpretationen, worauf sich diese Verantwortung bezieht bzw. aus welchem Grund die Männer
mit der Verantwortung belastet sind:
1. „bima fad-dalal-lahu ba’dahum ’ala ba’din
- eine mögliche Interpretation davon ist:
„wegen dem, womit ALLAH die einen (die Männer) den anderen (den Frauen) mehr Eignung
gab“, dies würde bedeuten, dass die Männer im Allgemeinen über die bessere Eignung für
diese Aufgabe verfügen.
- eine zweite mögliche Interpretation ist:
„wegen dem, womit ALLAH die einen (manche Männer) vor den anderen (anderen
Männern) mehr Eignung gab“, auch diese Interpretation beinhaltet, dass eine bestimmte
Gruppe von Menschen im Vergleich mit einer anderen Gruppe jedoch des gleichen
Geschlechts, über die bessere Eignung für diese Aufgabe verfügt.
2. „wa bima anfaqu min am-walihim“
- ein weiterer Grund für das Tragen der Verantwortung ist:
und wegen dem, was sie von ihrem Vermögen für die Brautgabe und für den Unterhalt
ausgegeben haben.’ Da die Ehemänner verpflichtet sind, für alle finanziellen Belange der
Ehefrau aufzukommen, bedeutet dies im Umkehrschluss auch, dass die Frau z. B. die
Scheidung erzwingen kann, wenn der Mann seiner Unterhaltspflicht nicht nachkommt.
************************
ُ َظِ َ َ ِ ِبْ َ ْ ِ ٌت َظِ َ ٌت َ ِ َ ُت َ ِ
َ
fas-sali-hatu qani-tatun hafi-zatun lil-ghaibi bima hafizal-lahu,
Die gottgefällig gut tuenden Frauen sind (ALLAH gegenüber) ergeben und bewahren das
vom Verborgenen (zwischen ihnen und ihren Ehemännern), was ALLAH zu bewahren aufer-
legt hat.
************************
نُھوُ ِر ْ ا َو
َ َ ْ ا ِ نُھوُرُ ْھا َو نُھوُظِ َ نُھ َزوُ ُ َنوُ َ َ ِ ا َو
ِ ِ
wal-lati tacha-funa nuschu-za-hun-na fa-’izu-hun-na wah-dschuru-hun-na fil mada-dschi’i
wad-rubuhun-na,

Und diejenigen Ehefrauen, deren Nuschuz ihr fürchtet, mit ihnen sollt ihr Wa’z, Hadschr in
den Ehebetten und Darb anwenden!

Erläuterung

Hinabsendungsanlass (sababu n-nuzul)
Diese Ayah nimmt Bezug auf eine Begebenheit, als eine Frau zum Gesandten (sal-lal-lahu 'alaihi
wa sal-lam) kam, um ihren Mann anzuzeigen, da er sie geohrfeigt hat. Der Gesandte (sal-lal-lahu
'alaihi wa sal-lam) ordnete daraufhin die Vergeltung1 an.
Daraufhin wurde zu diesem Thema mit (4:34) eine andere Vorgehensweise angeordnet. Nachdem diese
Ayah hinabgesandt worden war, setzte der Gesandte (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam) die von ihm
beabsichtigte Vergeltung aus und sagte: „Ich wollte etwas, doch ALLAH (ta'ala) wollte etwas anderes.“

1 Da nach allgemeiner quranischer Aussage Ehemänner und –frauen gleich sind: „Und ihnen (den Ehefrauen) steht (den Ehemännern gegenüber)
Gleiches zu, wie es ihnen obliegt nach dem Gebilligten, und den Ehemännern steht ihnen gegenüber eine Zusätzlichkeit zu.“ (2:228)

2

Damit sollte es unter Ehepartnern keine Vergeltung für solche Verfehlungen geben, um die
angestrebte gütliche Lösung des Problems nicht unnötig zu erschweren.
Aus diesem Hinabsendungsanlass ist abzuleiten, dass der Gesandte (salla l-lahu 'alaihi wa sal-lam)
zuerst nach der allgemeinen gültigen Regel sein Urteil fasste. Die Ayah hat ausschließlich im
Zusammenhang von Ehemann und Ehefrau diese Ausnahme der Nicht-Vergeltung eingeführt. In
anderen Zusammenhängen bleibt die Regel jedoch gültig.
Die Ayah (4:34) schlägt verschiedene Stufen der Mediation den Ehepartnern vor, um das Nuschuz-
Problem nicht bis zur Scheidung eskalieren zu lassen und es möglichst in den Anfangsstadien auf
gütlichem Weg zu lösen: nämlich Wa’z, Hadschr und Darb.

Definition von Nuschuz
Nuschuz bedeutet lexikalisch2: „naschazatil-ardu ضر ا تز “ die Erde hat sich erhoben“.
Nuschuz seitens des Ehepartners bedeutet: Abneigung gegen den Ehepartner artikulieren,
widerspenstig mit ihm sein, sich über den Ehepartner erheben.
Unter Berücksichtigung von der Ayah (4:128), die ein ähnliches Thema besprach und deren
Hinabsendungsanlass bekannt war, bedeutet Nuschuz in dieser Aya: Abneigung gegen den
Ehepartner artikulieren, in dem sie sich dem Ehepartner verweigert und keine Intimitäten mit ihm
pflegt, um bestimmte Forderungen durchzusetzen (Sexualität als Erpressungsmittel3).
Begründung:

ِت َر ِ ْ ُأ َو ٌرْ َ ُ ْ
ا َو ً ْ ُ َ ُ َ ْ َ َ ِ ْ ُ ْنَأ َ ِ ْ َ َ َح َ ُ َ َ ً اَرْ ِإ ْوَأ اًزوُ ُ َ ِ ْ َ ْنِ ْتَ َ ٌةَأَرْ ا ِنِإ َو
.
ا ًر ِ َ َنوُ َ ْ َ َ ِ َن َ َ نِ َ اوُ َ َو اوُ ِ ْ ُ ْنِإ َو ا ُسُ ْ َ ْ ا
Sollte eine Frau von ihrem Ehemann Nuschuz oder Vernachlässigung fürchten, dann ist es für
beide keine Verfehlung, wenn sie sich durch eine Vereinbarung aussöhnen. Und die Aussöhnung
ist besser4. Doch die Seelen sind der Habsucht zugeneigt. Und wenn ihr gottgefällig Gutes tut
und Taqwa gemäß handelt, so bleibt ALLAH immer dem gegenüber, was ihr tut, gewiss
allkundig. (4:128)

Hinabsendungsanlass (sababu n-nuzul) von (4:128):
Sauda Bnitu-zam‘a (radial-lahu 'anha)
ز ت ةدو , eine der Ehefrauen des Gesandten, war so alt
geworden, dass der Gesandte (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam) die erforderliche Gleichbehandlung
aller seiner Frauen (insbesondere in sexueller Hinsicht) ihr gegenüber nur schwer erfüllen konnte
und ihr deshalb die Scheidung vorschlagen wollte. Sie verzichtete jedoch darauf und befreite ihn
freiwillig von diesen ehelichen Verpflichtungen und blieb seine Frau.

Bedeutung von Wa’z

Wa’z bedeutet lexikalisch5: Ratschlag geben und die Erinnerung an bzw. der ernsthafte Hinweis auf
die positiven sowie negativen Folgen einer Handlung.
Der erste empfohlene Schritt der Problemlösung ist das ernsthafte Gespräch, die sachliche Dis-
kussion, wobei das Verhalten der Partner analysiert wird und an die möglichen schwerwiegenden
Folgen dieses Verhaltens erinnert wird. Die Mediation durch Wa’z sollte nicht nur einmalig,
sondern mehrfach versucht werden und zwar unter möglichst entspannten Gesprächsbedingungen,
bis der Ehepartner zu der Überzeugung kommt, dass dieser Weg keinen Erfolg mehr verspricht.

2 Siehe „Lisanul-’arab von Ibnu-manzur“.
3 Erinnert werden soll an die berühmte Aufforderung der Friedensbewegung an Frauen, den Männern die Sexualität zu verweigern, solange sie nicht
die Waffen niederlegen!
4 ist besser als die Scheidung oder das Streiten oder der schlechte Umgang
5 Siehe „Lisanul-’arab von Ibnu-manzur“.

3

Bedeutung von Hadschr in den Ehebetten bzw. Schlafstätten
Hadschr bedeutet lexikalisch6: Das Gegenteil von al-wasl in der Bedeutung von „In-Beziehung-
Stehen und Intim-Sein“, d. h. Trennung, Vermeiden, Beziehung brechen, jemandem den Rücken
kehren, keine Intimitäten pflegen.
Da die Ayah von „Hadschr in den Ehebetten“ spricht, wird diese Trennung nur innerhalb der
gemeinsamen Wohnung vollzogen, d. h. beide Ehepartner bleiben in der gemeinsamen Wohnung
und schlafen im gemeinsamen Ehebett, jedoch ohne Intimitäten. Der Gesandte (sal-lal-lahu 'alaihi
wa sal-lam) sagte:
.ت ا إ ر
و (…)
„(…) und du wendest Hadschr nur Zuhause an.“ (Ü. v. Ahmad und Al-baihaqi)
Erst wenn die Mediationsversuche durch Wa’z zu keiner Besserung der Situation führen, geht man
zum zweiten Schritt, zu Hadschr im Ehebett über. Dabei soll man der Partnerin für eine bestimmte
Zeit im Ehebett den Rücken kehren und keine Intimitäten pflegen als Zeichen für die Ernsthaftigkeit
der Situation. Weiters soll damit deutlich demonstriert werden, dass der Ehemann auch seinerseits
auf Sexualität verzichten kann und somit durch die Verweigerung seitens der Ehefrau nicht unter
Druck gesetzt werden kann. Ebenso soll dies eine weitere drastische Erinnerung daran sein, dass die
Beziehung in einer ernsthaften Krise ist, die nunmehr gemeinsam gelöst werden sollte.
Die Mediation durch Hadschr, sollte anders als Wa’z nicht unbegrenzt durchgeführt werden,
sondern nur für eine bestimmte Zeit, weil eine Ehe ohne Intimitäten Sinn und Zweck der Ehe
widerspricht.

Bedeutung von Darb
Das Verb von Darb ist „daraba“. Dieses Verb hat u. a. folgende verschiedene Bedeutungen:

- Prägen von Gleichnissen, bzw. von Münzen
(36:78): Und ER prägte uns ein Gleichnis (wa daraba lana mathalan
بر و) und vergaß
seine Erschaffung, ER sagte: „Wer belebt denn die Knochen, während sie etwas Verwestes sind?“

- Umherziehen, reisen
(4:101): Und wenn ihr durch das Land umherzieht (darabtum fil-ard ضر ا
م ر ), ist es für
euch keine Verfehlung, wenn ihr das rituelle Gebet verkürzt.

- Errichtung von Schallschutz
(18:11): Dann richteten WIR auf ihre Ohren (etwas Abtrennendes) (fadarabna ‘ala adhanihim
م اذآ
ر
) in der Höhle ein, für abgezählte Jahre.

- etwas abwenden, etwas fernhalten
(43:5): Lassen WIR von euch etwa die Ermahnung abwenden (afa nadribu ‘ankumudh-dhikra saf-
han
ً
ر ذ ا م
بر
أ), weil ihr maßlose Leute wart?!

- etwas über etwas ziehen
(24:31): und dass sie ihre Khumur7 bis über ihre Dschuyub8 ziehen (wal yadrib-na bi-khumurihin-
na ‘ala dschiyubihin-na
ن و
نھر
ن ر
و).

- schlagen, auf etwas hauen

6 Siehe „Lisanul-’arab von Ibnu-manzur“.
7 Kopfbedeckung
8 Ausschnitte der Kleidung

4

(20:77): Und gewiss, bereits ließen WIR Musa Wahy zuteil werden: „Brich nachts auf mit Meinen
Dienern, dann schlage (fad-rib lahum م بر
) ihnen einen getrockneten Weg ins Meer!

- erfassen, überziehen
(2:61): Und sie wurden von Demütigung und Elend erfasst (wa duribat ‘alaihimudh-dhilatu wal
maskanatu

او ذ ا م
ت ر و)

- abtrennen
(8:12): so schlagt (sie) auf die Nacken (fad-ribu fauqal-a‘naq ق
ا قو او ر
) und schlagt ihnen
jeden Finger ab!

- errichten
(57:13): Dann wurde zwischen ihnen eine Trennmauer errichtet (fa duriba bainahum bisurin
رو م
بر
), die eine Tür hat, in deren Innenseite ist Gnade, während außerhalb Peinigung ist.

- Andere Bedeutungen von daraba sind:
„darabal-dschur-hu حر
ا بر “ die Wunde tut weh,
„darabal-’aq-rabuبر
ا بر “ der Skorpion hat gebissen,
„darabal-qalbu ب ا بر
“ das Herz schlägt,
„darabahu bi-bali-yah
ر “ man hat jemandem eine Schwierigkeit bereitet,
„darabal-madsch-da د
ا بر “ man suchte nach Ruhm,
„darabatit-tairu ر ط ا ت ر
“ die Vögel sind weggeflogen, „
„daraba ’ala yadihi هد
بر “ an etwas hindern bzw. jemandem (Geschäfts-)Fähigkeit
aberkennen,
„daraba l-fah-lu n-naqata
ا ل ا بر “ das Kamelmännchen hat das Kamelweibchen bestiegen,
„daraba akbadal-ibil ل
ا د أ بر “ die Kamele reiten, etc.
Wie man unschwer erkennt, haben fast alle Bedeutungen von daraba mit „etwas verhindern,
verlassen, trennen und schlagen bzw. auf etwas schlagen“ zu tun.
Welche Bedeutung von daraba gilt nun in der Ayah (4:34)?
Vorbemerkung:
Der Einsatz von körperlicher Gewalt, (wie Klaps-Geben, leichtes Schubsen, Rütteln oder auch
Schlagen) als Erziehungsmethode war zur Zeit des Gesandten in allen Weltgegenden üblich. Selbst
heutzutage ist dies in vielen Kulturkreisen - darunter auch in Ländern mit mehrheitlicher
muslimischer Bevölkerung - noch immer gängige Praxis. Anzumerken ist, dass viele dort lebende
Menschen den Einsatz von Züchtigung neben verbalen Ermahnungen auch heute noch als etwas
völlig Normales empfinden.
Im europäischen Kulturkreis hat bedingt durch verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen seit
einigen Jahrzehnten ein Umdenken bei diesem Thema eingesetzt. Körperliche Gewalt (Schlagen
bzw. Züchtigung) wurde als Erziehungsmethode in der Familie und in den Bildungs- und
Erziehungseinrichtungen (Kindergärten, Schulen, Heimen, usw.) gesetzlich verboten. Auch
gesellschaftlich ist sie mittlerweile sehr verpönt. Die meisten Menschen in Europa verurteilen diese
Art der Konfliktlösung und empfinden sie als Verletzung der Menschenwürde. Doch trotz dieser
positiven Entwicklung gibt es auch in Europa in allen Gesellschaftsschichten immer noch Fälle von
Gewalt in der Familie und auch von Gewalt in Institutionen.
Der Quran als Schrift für alle Menschen, zu allen Zeiten und in allen Kulturkreisen thematisiert
dieses Problem auf eine besondere Art. Da diese Konfliktlösungsmethoden damals weder verpönt

5

noch ungewöhnlich war, gab es bei der Hinabsendung dieser Ayah keinerlei Widerspruch oder
kritische Rückfragen oder Erläuterungsbedarf seitens der Muslime. Aus diesem Grund hatten und
haben Kulturen, für die „Züchtigung bzw. Schlagen“ als Erziehungsmethode noch zur
gesellschaftlichen Norm gehört, keinerlei Probleme mit der bislang gängigen Interpretation des
Verbs „daraba“ in der Bedeutung von „Schlagen“. In diesen Kulturen und Gesellschaften war und
ist es völlig normal, dass der Quran auch diese Erziehungsvariante vorschlägt.
Bemerkenswert ist jedoch, dass das Thema „Gewalt in der Familie“, welches damals zur
gesellschaftlichen Normalität gehörte, überhaupt angesprochen wird und Einschränkungen dafür
vorgesehen wurden. Allein durch dessen Thematisierung wird das Thema aus der Normalität
herausgeholt, wobei die Bedeutung des Wortes stark eingeschränkt wird. So stehen vor dem Einsatz
von körperlicher Gewalt, das Gespräch, die Ermahnung und die Trennung im Bett, womit ein
„Schlagen“ im Affekt ausgeschlossen werden soll. Und auch der Anwendung von „daraba“ als
„Schlagen“ werden klare Grenzen gesetzt, da unter „daraba“ hier nur die Berührung mit dem Siwak
verstanden wird und somit dem „Schlagen“ als Misshandlung klare Grenzen gesetzt werden.
Weiters ist zu beachten, dass diese Ayah nur die Vorgehensweise in einem Ausnahmezustand in
einer schweren Ehekrise behandelt und nicht die Regel darstellt. Denn im Normalfall darf ein
Ehemann seine Ehefrau nicht beleidigen oder demütigen geschweige denn misshandeln. Er darf sie
auch weder im Bett meiden noch getrennt von ihr leben. Grundlage der ehelichen Partnerschaft sind
nach quranischem Verständnis Liebe und Barmherzigkeit und nicht Gewalt und Unterdrückung.
Heutzutage haben wir auf Grund der angesprochenen Entwicklung im europäisch-westlichen, mit
dieser ausschließenden und verallgemeinernden o. g. Interpretation des Verbs „daraba“ jedoch ein
Problem. Denn wenn hier im Westen mit dieser Ayah eine soziale Gruppe angesprochen wird, die
„Schlagen“ prinzipiell verurteilt und für die „Schlagen“ nicht als Lösung eines Problems in Betracht
kommt, sondern als ein Problem an sich bzw. die Verschärfung dessen gilt, dann widerspricht die
Interpretation von „daraba“ in der ausschließlichen Bedeutung von „Schlagen“ klar dem beab-
sichtigen Zweck dieser Ayah und wirkt dort sehr kontraproduktiv. Denn Zweck der Ayah ist, wie
oben ausgeführt, eine Mediation um das Nuschuz-Problem nicht bis zur Scheidung eskalieren zu
lassen und praktikable erfolgsversprechende Vorschläge zur Lösung dieses Problems zu geben.

Zu beachten ist zudem, dass es neben dieser Ayah zum Thema Umgang der Ehepartner miteinander
in Konfliktsituationen noch andere Ayat und auch die Sunnah des Gesandten (sal-lal-lahu 'alaihi wa
sal-lam) gibt, die zu befolgen ebenfalls zu den Pflichten der Muslime gehört. Die Sunnah ist für die
Muslime die praktische Umsetzung des Quran im Alltag und deshalb das anzustrebende Ideal im
alltäglichen Verhalten. In Bezug auf den Umgang der Geschlechter miteinander im Allgemeinen
und in der Ehe und vor allem bei Ehekrisen im Besondern zeigen uns sowohl die Sunnah als auch
andere Ayat sehr deutlich den – schon damals - gewünschten Trend zum Verzicht auf Gewalt und
zur Konfliktlösung durch andere Mittel. Der Islam will die Muslime im Endeffekt dahingehend
erziehen, körperliche Gewalt im Allgemeinen und gegen Ehefrauen im Besonderen nicht
anzuwenden. Gewalt in der Ehe widerspricht eindeutig dem Ehe-Bild im Islam:
َ
نوُر َ َ َ
َ ْ َر َو ًةد َوَ
ٍم ْوَ ِ ٍت َ َ َ َكِ َذ ِ نِإ ً

ْمُ َ ْ َ َل َ َ َو َ ْ َ ِإ اوُ ُ ْ َ ِ ً ا َو ْزَأ ْمُ ِ ُ ْ َأ ْنِ ْمُ َ َقَ َ ْنَأ ِ ِ َ َآ ْنِ َو
Ebenso zu Seinen Ayat zählt, dass ER für euch von eurem Wesen Partnerwesen erschuf, damit ihr
bei ihnen Geborgenheit findet. Und ER setzte zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit. Gewiss,
darin sind doch Ayat für Leute, die nachdenken. (30:21)
ا ًر ِ َ ا ًرْ َ ِ ِ ُ َل َ ْ َ َو ً ْ َ اوُھ َر ْ َ ْنَأ َ َ َ نُھوُ ُ ْھ ِرَ ْنِ َ ِفوُر ْ َ ْ ِ نُھوُر ِ َ َو
Und verkehrt mit ihnen nach dem Gebilligten! Und solltet ihr gegen sie Abneigung empfinden,
dann kann es sein, dass ihr einer Sache gegenüber Abneigung empfindet, in die ALLAH jedoch
viel Gutes für euch gelegt hat. (4:19)

6

‘Aischa (radial-lahu ’anha), Ehefrau des Gesandten überlieferte, dass es vom Gesandten (sal-lal-
lahu 'alaihi wa salam) nicht bekannt war, dass er jemals ein Kind oder eine Frau geschlagen hätte.
Für die Muslime bedeutet dies somit, dass beim Befolgen der Sunnah das „Schlagen“
ausgeschlossen ist.
Folgende Hadithe belegen eindeutig, dass der Gesandte (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam) die
muslimische Gesellschaft schrittweise in Richtung gewaltfreie Gesellschaft erziehen wollte. Er (sal-
lal-lahu 'alaihi wa sal-lam) sagte:

م ر م ر
„Die besten unter euch sind diejenigen, die den besten Umgang mit ihren Frauen pflegen.“ (Ü. v.
Ibnu-madscha, Ahmad und At-tirmidhi)
.
أ ،هر آ
م ر ا لوأ ر ،د ا بر أر ا بر نأ م د أ
أ
„Schämt sich etwa der eine von euch dafür nicht, dass er seine Frau wie den Sklaven schlägt? Er
schlägt sie am Beginn des Tages, dann schläft er mit ihr an dessen Ende, schämt er sich etwa
nicht?“ (Ü. v. ’Abdur-raz-zaq und Al-baihaqi)
و
و و ا بر و ت
ا اذإ ھو
و ت ط اذإ
ط ل
:
؟ جوز ا
ةأر ا ق ل ر
.ت ا إ ر
„Ein Mann fragte ihn (den Gesandten): Welches Recht hat die Frau beim Mann? Er (sal-lal-lahu
'alaihi wa sal-lam) sagte: „Du speist sie, wenn du speist, du kaufst ihr Kleider, wenn du für dich
Kleider kaufst, du schlägst sie nicht ins Gesicht, du beschimpfst sie nicht und wenn du Hadschr
anwendest, dann nur Zuhause.“ (Ü. v. Ahmad und Al-baihaqi)
ن اوز أ
ء
ا نر ذ لو ر ل
:
م و

لو ر إر ء ء إ او ر


ا ل ن اوزأ ن
ر ء
م و

لو ر ل ف ط ن ر ص ر
.م ر
ك وأ س ن اوزأ ن
ر ء م و

د
ل ف ط د م و
„Schlagt nicht die Dienerinnen ALLAHs! Dann kam ’Umar (radial-lahu 'anh) zum Gesandten
ALLAHs (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam) und sagte: „ALLAHs Gesandter! Die Frauen lehnen sich
gegen ihre Männer auf? Dann erlaubte er, dass gegen sie Darb angewandt wird. Dann kamen zur
Familie des Gesandten ALLAHs (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam) viele Frauen, die sich über ihre
Männer beklagten, dann sagte der Prophet (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam): Viele Frauen kamen
zur Familie Muhammads (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam), die sich über ihre Männer beklagten.
Diese (Männer) sind nicht die Guten unter euch! “ (Ü. v. Ahmad, An-nasai, Al-hakim)
Aus diesem Hadith und unter Berücksichtigung des oben erwähnten Hinabsendungsanlasses der
Ayah kann man ableiten, dass der Gesandte (salla l-lahu 'alaihi wa sal-lam) auch nach
Hinabsendung der Ayah (4:34) Darb im Sinne von „Klaps geben bzw. Schlagen“ allgemein verbot.
Dennoch gab es danach die Erlaubnis dazu als Ausnahme aufgrund vorherrschender kultureller
Strukturen. In diesem Zusammenhang darf an die soziale Frauenstellung vor dem Islam bei den
Arabern und Nicht-Arabern erinnert werden.
Die Gewaltfreiheit in der Familie, die der Gesandte (salla l-lahu 'alaihi wa sal-lam) etablieren
wollte, konnte damals nicht sofort von der Masse umgesetzt werden, wozu das unsensible Verhalten
der Frauen auch beitrug. Eine gesellschaftliche Umerziehung und die Änderung von etablierten
Traditionen und Verständnissen über die Rolle von Mann und Frau bedürfen bekanntlich längerer
Zeitspannen.
Der Sahabi und Schüler des Gesandten Ibnu-‘abbas (radial-lahu 'anh) erläuterte später „fad-
ribuhun-na, wendet gegen sie Darb an
“ mit „schubsen, mit dem Siwak (Hölzchen zum
Zähneputzen) berühren“. Damit bestätigte er eine Bedeutungsverengung des Begriffs und
reflektierte damit bereits eine gesellschaftliche Entwicklung auf dem Wege zur Gewaltfreiheit in

7

der Familie.
Ein weiteres wichtiges Indiz für die andere Interpretation des Verbs „daraba“ ist ebenfalls in der
Sunnah überliefert. Es ist dies das Vorgehen des Gesandten (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam), als er
einen ernsthaften Streit mit seinen Frauen hatte. Bei dieser Krise hat er seine Frauen weder
geschlagen, noch beschimpft oder bedroht, sondern er hat sich von ihnen getrennt das Haus für
einen ganzen Monat verlassen9. Dies tat er, ohne die Verwandten der Frauen darüber zu
informieren, damit diese nicht etwas gegen die Frauen unternehmen.
Diese Vorgehensweise zeigt uns sehr deutlich, dass mit „daraba“ auch die Bedeutung von
„verlassen, sich trennen“ gemeint ist. Denn das Verlassen des Hauses kann hier nur als „daraba“
angesehen werden und keineswegs als Hadschr. Denn wie bereits ausgeführt, spricht die Ayah
explizit von Hadschr in den Ehebetten und nicht außerhalb der Ehebetten und auch der Gesandte
erlaubte Hadschr ausschließlich in der gemeinsamen Wohnung (s. o.), d.h. beide Ehepartner bleiben
in der gemeinsamen Wohnung und schlafen im gemeinsamen Ehebett, jedoch ohne Intimitäten.

Die darauf folgende Ayah belegt die Ansicht, dass es um Versöhnung und nicht um Bestrafung
geht, deshalb darf die o. g. Ayah nur in deren Lichte verstanden werden.

ً ِ َ َن َ َ ن

ِ
إ َ ُ َ ْ َ ُ ِق َوُ ً َ ْ ِإ اَد ِرُ ْنِإ َ ِ ْھَأ ْنِ ً َ َ َو ِ ِ ْھَأ ْنِ ً َ َ اوُ َ ْ َ َ ِ ِ ْ َ َق َ ِ ْمُ ْ ِ ْنِإ َو
(35) ا ًر ِ َ
Und wenn ihr Streitigkeit zwischen ihnen (den Eheleuten) fürchtet, dann schaltet einen
Schiedsmann von seinen Angehörigen und einen Schiedsmann von ihren Angehörigen ein. Und
wenn beide Versöhnung wollen, wird ALLAH beide erfolgreich sein lassen. Gewiss, ALLAH
bleibt immer allwissend, allkundig. (4:35)
So lauten die Vorschläge zur Lösung des Nuschuz-Problems seitens der Frau folgendermaßen:
1. Der Ehemann ermahnt seine Ehefrau und erläutert ihr die negativen Folgen bei ihrem Beharren
auf Nuschuz sowie die positiven Folgen für die Ehe, wenn die Frau dieses Verhalten korrigiert.
2. Wenn diese Vorgehensweise keine Änderung herbeiführt, geht der Mann zum nächsten härteren
Schritt über und kehrt ihr im Bett den Rücken, ohne dass er sich von ihr vollständig trennt und
die Wohnung verlässt.
3. Sollte auch diese Vorgehensweise keine Änderung herbeiführen, erst dann verlässt der Mann
nach dem Vorbild des Gesandten (sal-lal-lahu 'alaihi wa sal-lam) die gemeinsame Wohnung für
eine Weile.
4. Wenn die Frau auch auf diese Maßnahme nicht reagiert, bleibt als Lösung nur noch die Talaq-
Scheidung.

Dieser Abschnitt der Ayah (3:34) wird danach folgendermaßen übersetzt:
Und diejenigen Ehefrauen, deren mutwillige Verweigerung ihr fürchtet, sollt ihr
(zunächst) ermahnen, dann sie in den Ehebetten meiden und (zuletzt) euch von ihnen
(für eine Weile) trennen!


************************

ا ًر ِ َ ًّ ِ َ َن َ َ نِإ ً ِ َ نِ ْ َ َ اوُ ْ َ َ َ ْمُ َ ْ َطَأ ْنِ َ
fa-in ata’-nakum fala tab-ghu ‘alai-hin-na sabilan. in-na l-laha kana ‘ali-yan kabiran.
Und sollten sie wieder auf euch hören, dann unternehmt nichts mehr gegen sie! Gewiss,

9 Siehe Tafsir von Ayah (33:28) in „zadul-masir“ vom Gelehrten Ibnul-dschawzi (gestorben 597 n. H.).

8

ALLAH bleibt immer allhöchst, allgrößt.

************************

Die Ehemänner tragen Verantwortung den Ehefrauen gegenüber wegen dem, womit
ALLAH die einen den anderen gegenüber mehr Eignung gab, und wegen dem, was sie
von ihrem Vermögen ausgegeben haben. Die gottgefällig gut tuenden Frauen sind
(ALLAH gegenüber) ergeben und bewahren das vom Verborgenen (zwischen ihnen und
ihren Ehemännern), was ALLAH zu bewahren auferlegt hat. Und diejenigen Ehefrauen,
deren mutwillige Verweigerung ihr fürchtet, sollt ihr (zunächst) ermahnen, dann sie in
den Ehebetten meiden und (zuletzt) euch von ihnen (für eine Weile) trennen! Und
sollten sie wieder auf euch hören, dann unternehmt nichts mehr gegen sie! Gewiss,
ALLAH bleibt immer allhöchst, allgrößt. (4:34)



Doch ALLAH (ta'ala) weiß es am besten!

Erstfassung vorgelegt am 25.08.04
Überarbeitete Fassung am 21.02.07

9

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