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Die Verteidigung der Seeblockade Gazas
gegen den friedlichen Angriff der
Gotteskrieger
Von Thomas Becker
War das ein friedlicher Angriff?
Nach gründlicher Befragung aller Beteiligten, Prüfung der Schiffsladung usw. interpretiert Israel den
Angriff so, dass die Mehrheit der 550 Passagiere der Mavi Marmara vorher nicht wusste, wie der
Angriff genau ablaufen würde. Eine Gruppe von 40 Leuten der IHH habe den Ablauf im Geheimen
geplant. Auf den Vorbereitungstreffen wurde nicht offen darüber gesprochen. Die übrigen Passagiere
hatten demzufolge keine Ahnung davon, worauf sie sich einlassen. Wenn das überhaupt stimmt,
dann ist es belanglos zumindest für die deutsche Prominenten‐Delegation, die ja den Angriff nachher,
als sie wusste, wie er genau abgelaufen war, in allen seinen Einzelheiten verteidigte.
Israel gibt uns ungefähr folgende Darstellung des Angriffs:
Das Schiff, das die IHH kurz zuvor für 800000 Dollar gekauft hatte, begann seine gut überlegte Irrfahrt
am 22. Mai in dem Istanbuler Hafen Sarayburnu. Bei einem von der IHH organisierten Volksfest war
es tags zuvor mit der Beschwörung versehen worden: "Oh ihr Juden. Die Armee des Propheten
Mohammed wird zurückkommen. Intifada bis zum Sieg!". Hier bestiegen die 40 IHH‐Leute als die
ersten Passagiere das Schiff mitsamt den Sachen, die sie für die Vorbereitung und Durchführung des
Angriffs brauchten, darunter:
‐ 150 kugelsichere Westen, von denen ein Teil für die Presseleute bestimmt war, die mitgekommen
waren, um den Kampf im Sinne der Angreifer zu dokumentieren
‐ 200 Gasmasken
‐ 50 Zwillen (Schleudern), die teils die Aufschrift "Hizballah" trugen
‐ Metallsägen, mit denen später Eisenstangen aus der Reling geschnitten werden konnten
‐ Rauchbomben, Pfefferspray
‐ Alle IHH‐Leute waren mit Mobiltelefonen ausgerüstet.
Wenn man einmal nur dieses Material betrachtet und danach den Charakter des Angriffs zu
beurteilen versucht, gibt es Ähnlichkeiten mit gewissen linksradikalen Traditionen, wo es ganz üblich
ist, dass eine größere Menge sympathisierender Demonstranten einer kleineren Gruppe der
Entschlossenen den eigentlichen Angriff überlässt, von dessen genauem Ablauf nicht jeder weiß, den
aber jeder stets zu rechtfertigen versteht. Im Ernst kann man solche Aktionen nicht friedlich nennen,
auch nicht militärisch; sie werden stattdessen "militant" genannt.
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Schon die frühen Intifada‐Kampagnen der Hamas Ende der 1980er Jahre mit dem Straßenkampf von
mit Steinen und Zwillen "bewaffneten" Jugendlichen schienen Ähnlichkeit mit mancher Szene zu
haben, die man vom "schwarzen Block" mit seinen notorischen Palästinensertüchern längst zu
kennen meinte. Aber da kannten wir den internationalen islamischen Terrorismus noch nicht und
seine Besonderheit: den Märtyrertod.
Auch der Angriff der Mavi Marmara war als militante Aktion konzipiert.
Die "Militanz" will sich nicht im Ernst mit ihrem Gegner anlegen, von dem sie weiß, dass er ihr maßlos
überlegen ist. Ihr Angriff ist symbolisch gemeint: Er soll nicht der Kampf selbst sein, zeigt aber den
Willen zum Kampf, auch wo die Mittel dazu (noch) nicht zur Verfügung stehen. Dem eigenen Lager
dient der militante Angriff als Vorbild: Jeder muss bereit sein, mit allen zur Verfügung stehenden
Mitteln zu kämpfen.
Der Gegner wird symbolisch, d.h. moralisch geschlagen, indem er gereizt, und zwar in einem genau
dosierten Maße überreizt und dadurch zum Einsatz seiner überlegenen Mittel veranlasst wird. So
wird die Schwäche und die Schlechtigkeit des Gegners demonstriert. Der Angriff ist daher nicht
militärisch, sondern politisch, weil er durch diese Darstellung des Gegners die öffentliche Meinung
gegen ihn aufzubringen sich erhofft.
Ein solcher Angriff wurde nun von den IHH‐Leuten vorbereitet, die mitsamt ihrem Equipment in
Istanbul an Bord gegangen waren.
Die übrigen Passagiere stiegen später in Antalya dazu. Die IHH‐Leute wurden von Bülent Yildirim
kommandiert, dem Anführer der IHH, ein ebenso begabter wie erfahrener Prediger und Organisator
des internationalen islamischen Terrorismus. Man musste ihn nur ein einziges Mal während einer
Hamas‐Demonstration in Gaza reden gehört und beobachtet haben, wie er die grün beflaggte Menge
zum Krieg gegen die Juden aufzustacheln verstand, um zu wissen, um welche Art von Angriff es sich
hier handelte. Die übrigen Passagiere schien es nicht zu kümmern. Sie hatten im Vorfeld sogar
Erklärungen unterschrieben, in denen sie sich selbst verpflichteten, keine, nicht einmal "verbale
Gewalt" gegen israelische Soldaten anzuwenden. Das war sicherlich sehr vernünftig. Aber nötigte sie
diese Selbstverpflichtung zur Gewaltlosigkeit auch dazu, über die Gewaltbereitschaft anderer
Passagiere zu urteilen? Nein.
Die Trennung der beiden Gruppen, der ordentlichen Passagiere von den IHH‐Leuten, bestand
während der gesamten Fahrt. Die IHH‐Leute trugen Sticker auf ihren Jacken mit der Aufschrift
"Security" und verhielten sich entsprechend, was die übrigen Passagiere dazu veranlasste, allen ihren
Anweisungen unwidersprochen Folge zu leisten, bspw. dem Befehl, sich nur in den unteren Teilen
des Schiffes aufzuhalten. Die IHH‐Leute beanspruchten das Oberdeck für sich. Doch trotz getrennter
Betten und unüberbrückbarer Hierarchie: Über den Charakter des Angriffs herrschte vollkommene
Einigkeit unter allen Passagieren, auch bei denen, die von nichts wussten. Die Mavi Marmara würde
sich niemals kampflos von ihrem Kurs abbringen lassen, sondern "zivilen Ungehorsam" leisten. Das
dachten alle, auch wenn nur die IHH‐Leute wussten, was genau damit gemeint war.
Am letzten Tag der Fahrt, dem 31. Mai, begannen die letzten praktischen Vorbereitungen für die
Konfrontation. Die IHH‐Leute sägten rund 100 handliche Eisenstangen aus der Reling des Schiffes,
brachten alle Holzstangen einer bestimmten Dicke auf eine brauchbare Knüppellänge und verteilten
die 20 Äxte, 200 Messer und zahllosen Glasflaschen, die sie auf dem Schiff eingesammelt hatten,
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unter sich und einer vergleichbaren Zahl von Mitstreitern. Die allerletzten Vorbereitungen bestanden
aus Gesängen und Gebeten; so fieberten die Kämpfer dem Moment entgegen, da sie dem Juden
Auge in Auge gegenüberstehen würden.
Die israelische Navy meldete sich zuerst über Funk und forderte das Schiff auf, abzudrehen oder
einen israelischen Hafen anzusteuern, um die Ladung nach Waffen durchsuchen zu lassen. Gelächter.
Dann tauchten kleine Gruppen israelischer Soldaten auf Schnellbooten auf, die vom Oberdeck der
Mavi Marmara aus mit Flaschen und Steinen beworfen und mit Leuchtmunition beschossen wurden
und auf diese allzu einfache Weise vertrieben werden konnten. Gelächter und Siegesgewissheit.
Bis dahin war die Aktion ein Kinderspiel. Erst jetzt wurde es ernst. Ohne Mühe hatte man die Navy in
die Situation gebracht, die sie am liebsten vermieden hätte. Jetzt mussten die Soldaten versuchen,
von Hubschraubern aus auf das Schiff zu kommen. Das war genau die Situation, auf die sich die IHH‐
Leute vorbereitet hatten.
Die Soldaten seilten sich nacheinander in kleinen Gruppen von fünf Mann von den Hubschraubern
herab. Sobald ein Soldat einen Fuß auf das Schiff setzte und die Gruppe die Gefahr erkannte, wurde
er von den mit Eisenstangen, Äxten, Messern, zerbrochenen Glasflaschen usw. bewaffneten IHH‐
Leuten angegriffen. Zehn israelische Soldaten wurden auf diese Weise schwer verletzt, einige von
ihnen als Geiseln in die unteren Decks verschleppt. Den Verletzten und Gefangenen wurden die
Waffen genommen, sodass die dritte Gruppe von Soldaten, sobald sie auf dem Schiff ankam, sich nun
auch von Schusswaffen bedroht sah. Erst diese dritte Gruppe israelischer Soldaten erkannte die
Situation rechtzeitig und schoss auf die Angreifer, von denen sie 9 Tötete. Mehr Soldaten landeten
auf dem Schiff, denen es schließlich gelang, die Verletzten zu bergen, die Gefangenen zu befreien
und die Mavi Marmara unter ihre Kontrolle zu bringen.
Für die Angreifer endete die Aktion damit erfolgreicher, als mancher jener Passagiere, die den
genauen Ablauf der Aktion vorher nicht kannten, geglaubt haben mag. Doch zumindest die deutsche
Prominenten‐Delegation war sich wieder einig, unter sich und mit allem einverstanden: Es sei zwar
bedauerlich, hörte man sie triumphieren, dass es Tote gegeben habe, aber vielleicht trügen gerade
diese Toten dazu bei, dass die Welt Notiz nehme von den Verbrechen des Zionismus. Die Toten
gaben den Ausschlag. Das hätte die deutsche Linke so allein nicht hingekriegt.
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